Im Alter wird es einsam

Musik ist Leben. Ein leicht abgedroschenes Klischee, dass dadurch nicht weniger wahr ist. Wir alle haben unsere musikalische Wegbegleitung, die Songs zu denen wir uns verliebten, das erste Mal betrunken waren, die Alben die eine Lebensphase begleiteten, unsere Entwicklung dokumentierten, nein, vorantrieben!Die Grunge-Phase, die Funk-Phase, der Sommer in dem alle Moby hörten, oder Rage against the Machine, oder als man sich gerne einmal mit Alanis Morrissette über unglückliche Beziehungen unterhalten hätte, oder die Gorillaz stets im Hintergrund, auf allen Parties liefen. Ich habe nie verstanden, wie jemand keine emotionale Beziehung zu Musik aufbauen konnte, sie nur nebenbei im Radio dudeln lassend, im Plattenregal (wenn denn eines vorhanden ist) nur Best-Of- oder Kuschel-Rock-Sampler zu finden sind, der/diejenige nur 2-3 Konzerte („Chris de Burgh, damals auf dem Marktplatz meiner Heimatstadt!“) jemals gesehen hat, diejenigen die sagen, sie hören „eigentlich alles, außer Techno und Heavy Metal!“ – für mich sagt das viel über diesen Menschen aus, darüber, wie er sein Leben lebt und wahrnimmt, und wodurch er sich entwickelt hat und inspirieren lässt. Musik hat immer die Gefühlsbasis für mein Leben gebildet, war am Ende des Tages das „Raison d’Etre“, der Anhaltspunkt, den dem sich das Leben stets ein wenig orientieren musste. Sei es durch Konzerttermine, Plattenveröffentlichungen, oder durch einen Song-Text, der hängen blieb, ein eindrückliches Video oder das Interview eines Musikers, der mal etwas zu sagen hatte.

Um den Bogen zum #älterwerden zu schlagen, so mag es denn an meinem Alter liegen, dass es Zeiten gab, in denen ich mir von Musikern tatsächlich noch etwas sagen lassen habe. Dass mir Interviews wichtig waren, mich interessierte, was der Erzeuger des Soundtracks meines Lebens über diese Klänge hinaus zu verkünden hatte. Dass es durchaus relevant war, ob ein Künstler sich irgendwo daneben benahm, eine absurde Aktion auf einer Award-Show abzog, aber einfach auch, ob er seine Musik selber schrieb und produzierte und aufnahm, seine eigenen Texte verfasste, er oder sie das Wort „Kunst“ noch ernst nahm, und auch auf die ach-so-banale Pop- oder Rock-Musik anzuwenden wusste. Es waren tatsächlich noch „Künstler“, die sich dem Erschaffen von neuem verschrieben hatten, Gefühle in neuem Licht dastehen lassen konnten, dem Leben neue Aspekte abrangen, mit denen man sich irgendwie identifizieren konnte. Die einen in den Gefühlen berührten, und nicht nur zum mitsingen. Die immer und immer wieder zu überraschen wussten, weil sie sich in Spannungsfeldern bewegten, sich mit neuen Menschen umgaben, die Welt auf ungewöhnliche Weise sahen, und offen für ungewohntes waren. Die dadurch die Welt immer wieder neu darstellten, und man durch bloßes zuhören daran teilhaben und mitfühlen konnte: sie waren Chronisten ihrer Zeit, des Geschehens in der Welt, des Zeitgeistes, Spiegel der Menschlichkeit, zumindest in dem Kulturkreis in dem sie und ich uns bewegten. Und somit begleiteten Sie mich stets, mal für kürzer, mal für länger, aber immer nachdrücklich, sonst wären sie sofort wieder vergessen worden, und sie gestalteten das Bild und das Gefühl das ich für die Welt haben konnte mit. Nie war es ein einziger, der alles dominierte, aber es gab viele darunter, die immer wieder auftauchten, immer wieder präsent waren, und mich beeinflussten, aber eben vor allem mein Leben begleiteten.

So viele eindringliche Phasen meines Lebens lassen sich mit einer dazu passenden Musik untermalen, das hören gewisser Platten oder Songs löst Zeitreisen aus, plötzlich ist man wieder im früher, den Monaten in denen man etwas immer wieder gehört hat. Mittlerweile mit einem Mausklick auf die richtige Playlist kann ich mich unmittelbar 5, 10 oder sogar 25 Jahre zurückversetzen lassen. Das Gefühl dieser Zeit wird wieder da sein, ich werde 25 Jahre jünger sein, die erlebten Abenteuer tauchen wieder auf, aber auch der Weg, den ich seitdem gegangen bin, wird deutlich. Woher ich mich entwickelt habe, was mir wichtig war, was mir nicht mehr wichtig ist, und dafür jetzt wichtig ist. Die Entwicklung, die die eigene Menschlichkeit genommen hat. Jederzeit kann ich sie mir ansehen, und mir dann gerne bewusst werden, wie viel Zeit seitdem vergangen ist.

Und auch wenn sich immer eine große Bandbreite an Künstlern auf meinen (mittlerweile virtuellen) Plattentellern drehte, so gab es doch immer welche, mit denen ich gemeinsam älter wurde. Neil Young. Sonic Youth. The Beatles. The Beach Boys. Beasty Boys. Und es waren dann immer wieder Namen darunter, die uns verließen: George Harrison, Adam Yauch, Carl Wilson, Phil Taylor und Würzel (Motörhead), Mike Scaccia (Ministry) usw. Über die Jahre hinweg. Selten diejenigen, die ganz vorne standen, aber doch immer mit einem bedauernden Kopfschütteln zur Kenntnis genommen, und oft genug Anlaß, ein paar ihrer Platten zu hören. Aber neuerdings scheint die erste prägende Generation großer Pop-Künstler in die Jahre zu kommen und das zeitliche zu segnen, so dass viel von meinem Soundtrack des Lebens verschwindet, viele Helden, die mein Denken und Empfinden mit ihren Gedanken und Texten und Melodien mitbestimmten, die sich nun zum großen Konzert im Himmel aufmachen. Menschen, die man in dieser Liste (noch) nicht erwartet hätte. David Bowie, für immer Sound and Vision. Prince, mit großen Live-Momenten unsterblich. Lemmy, Symbol der Unverwundbarkeit. George Martin, Erschaffer so großer Klänge mit den Beatles. Oder Glenn Frey, irgendwie immer gehört. Aber auch Alan Rickman, der schon als Hans Gruber so nachdrücklich hängen blieb, und einen später als Prof. Snape weiter begleitete, oder Roger Willemsen, der immer den Glauben an die Intelligenz der Spezies Mensch aufrecht erhielt – viele kleine Pfeiler eines kulturellen Kosmos, auf dem man sein Leben errichtet hat, brechen weg, und bleiben unersetzt.

Die eigene Vergangenheit verschwindet, und lässt das Alter spüren. Es ist ein komisches Gefühl.

 

 

 

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About Greg B.

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