Verschiebung

Es ist ein komisches Gefühl in der Luft, vielleicht im Wetter, aber sicher um die Menschen. Die Zeiten, sie haben sich beschleunigt, es ist nichts neues. Die Lebkuchen Anfang September legen trauriges Zeugnis davon ab, dass wir schon an das morgen denken, während wir das jetzt ndoch gar nicht wahrnehmen. Wir lassen uns mitreißen, von allem was passiert, es gibt kein gegensteuern mehr.

Und doch. Irgendetwas verändert sich.

Mein Lebensmittelpunkt war immer Deutschland, Europa, darin bin ich aufgewachsen mit dem Gedanken, dass auch die größten Spaltungen durch Rationalität, Respekt, Sorgsamkeit und Andacht überwunden werden können. Dass eine Idee tatsächlich Menschen vereinen kann. Dass wir uns gegenseitig mit Wertschätzung begegnen müssen, den anderen tolerieren und akzeptieren sollten wie er ist, und Menschlichkeit unser oberstes Gebot sein lassen sollten, und somit vieles erst denkbar machen. Leben und leben lassen, und alles ist möglich, sogar zu vergeben: aber nur dann, wenn wir nicht vergessen. Es ist wichtig, nicht zu vergessen. Das Vergessen ist die Eintrittskarte in die zweite, dritte, x-te Vorstellung des Filmes, den wir schon zwei, drei, x-mal gesehen haben, dessen Ende wir nur zu gut kennen. Das Vergessen ist der Schlüssel zum zurückdrehen, zum neu einlegen der Filmrollen, mit dem irren Gedanken, dass der Film dieses Mal auf jeden Fall ein Happy End haben wird. Selbst wenn es ein Remake ist, das Ende wird nicht anders sein, nur die Personen sind andere.Ich erkenne das heutige Europa, das, in dem ich immer noch lebe, nicht mehr wieder. Es macht mir ein wenig Angst. Dabei ist es nicht nur Deutschland, das mir Angst macht, mit seinen irrationalen Ängsten, seinem sprunghaften Wesen, bei aller versuchten, und häufig erzwungenen, Beständigkeit. Es ist nicht nur Deutschland, mit seinen Gegenpolen der altertümlichen Ablehnung allem Neuen gegenüber, und dem menschlichkeits-trunkenen Umarmen alles Guten und wohltätigen. Dem Zwiespalt zwischen Hassrede und Hilfsbereitschaft. Deutschland dümpelt in einem See der paralysierten Zukunftsfurore vor sich hin, um von Zeit zu Zeit auszubrechen, mit einem gewaltigen Schritt weiterzugehen, zwei Schritte, um dann so vor sich zu erschrecken, dass es wieder 1-2 Schritte zurück tut. Ein Land, das Angst vor seiner eigenen Courage hat, und davon, wie es von außen wahrgenommen wird, stetig analysierend was “das richtige” ist. Es muss alles gerecht sein. Und es sollen alle sehen. Und alle sehen es, und machen sich doch ihre eigenen Gedanken, sehen Deutschland anders als es gerne gesehen werden möchte.

Vor 10 oder 20 Jahren mochte die Idee der Gemeinsamkeit noch vielfach geglaubt worden sein, heute scheint sie nur noch eine hohle Phrase zu sein. Die europäischen Werte, sie sind nur noch das wert, was jedes einzelne Land aus ihnen ziehen kann. Und jeder zieht seine eigenen Werte daraus. Geld, hochqualifizierte Fachkräfte, Bewunderung oder Ablehnung der anderen Länder, Europa scheint nur noch eine Zweckgemeinschaft zum wirtschaften zu sein. Beim Geld hört die Freundschaft auf. Diese alte Weisheit, sie stimmt auch im großen Maßstab.

Europa macht mir, neben all der Hoffnung, die man in es setzen will, ein wenig Angst. Eine Gesellschaft, die nicht weiß, wo sie hin will, die Angst hat vor Menschen, die nicht weiß, wie sie mit notleidenden Menschen umgehen soll: was ist das für eine Gesellschaft? Verdient diese Gesellschaft noch diesen Namen? Wie auch immer die riesigen Mengen an Hilfsbereitschaft positiv über das Land fluten, was wird die Gesellschaft daraus machen, wie wird sie reagieren, wenn sie mehr verändert wird, als sie es in ihrer zutiefst verwurzelten Unbeweglichkeit eigentlich auszuhalten vermag? Ich habe keine Angst vor der Veränderung, ich habe Angst davor, was die Veränderung aus dem Gleichmut der Menschen macht. Wenn, wie es so schön heißt, “der Gesellschaftsvertrag aufgekündigt wird”. Wenn immer mehr Menschen nicht mehr mitspielen, weil sie genervt sind, ihr altes Leben zurückwollen. Wie werden die Menschen reagieren?

Die Welt verändert sich, das ist nichts Neues. Schon immer warnen vermeintliche Schwarzmaler vor den Folgen von Krieg, Unterdrückung, Dürrekatastrophen, Armut, dem Klimawandel. Nun sind die Folgen da. Hätten wir im Geschichtsunterricht besser aufgepasst, wäre uns aufgefallen, dass in der Folge von Kriegen und Armut sich große Menschenmengen in Bewegung setzen. Die Völkerwanderung ist im vollen Gang. Das Klima verschiebt sich, meteorologisch wie politisch. Die Menschen reagieren darauf. Das Überleben ist ein menschlicher Urinstinkt, eine der Verhaltensweisen, die ihnen unsere Systeme noch nicht abgewöhnen konnten. Der Mensch sucht die Sicherheit. Und wenn das Sicherheitsgefühl eines kriegsgebeutelten Syrers mit dem eines wohlstandsverwöhnten Mitteleuropäers zusammentreffen, dann muss sich ein neues, gemeinsames Sicherheitsgefühl entwickeln. Vielleicht geht es irgendwann wieder nicht mehr darum, ob jemand unsere WhatsApp-Nachrichten mitliest, sondern einfach darum, dass der Kriegsflüchtling über ein festes Dach über dem Kopf und keine Bomben zufrieden ist, der eingeborene Europäer aber nur über den günstigsten Handytarif und darüber, dass sein Facebook-Post möglichst viele Likes bekommt. Und wo die Mitte zwischen diesen beiden Sichtweisen ist.

Wie werden sich die Menschen zusammenfinden, die stolz ihr dreizehntes Monatsgehalt vor sich herposaunen, und die, die es gerade geschafft haben, ihre eigene Haut zu retten? Werden wir “alten Europäer” womöglich demütiger, im Angesicht der Wünsche von Menschen, die froh sind, überlebt zu haben? Wenn die satte Nachkriegsgesellschaft auf eine hungrige, zukunftsgierige Kriegs-Generation trifft. Es ist Potential und Hypothek zugleich.

Aber es bleibt die Angst, dass wir es verbocken, weil alles zu schnell geht, weil der Überblick verloren gegangen ist, weil alle hektisch gegen irgendetwas gefühltes gegenansteuern. Und weil wir zurücksteuern zur Kleinstaaterei, dem Heiligen Brüsseler Reich Europäischer Nation.

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About Greg B.

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