Selbstdarstellung, Selbstzerlegung

Ein weiterer schöner Sommertag. Ein Blick aus dem siebten Stock auf das schöne München, mit dem ich immer noch nicht wirklich warm werden konnte. Seit Stunden sitze ich schon wieder in meinem Glasgefängnis, mit einigen anderen Gefangenen, die das vermutlich gar nicht so eng sehen. Ich wurschtele mich durch ein paar Excel-Tabellen, schreibe ein paar E-Mails, versuche das, was passiert, immer schön einfach und „Management-gerecht“ aufzubereiten. Vielleicht ist mein Job gerade „Vereinfacher“. Abgesehen davon, dass ich nicht besonders viel zu tun habe, und gerne mehr zu tun hätte, bin ich in keinster Weise daran interessiert, dass hier irgendetwas komplizierter, aufwendiger, umständlicher wird. Im Gegenteil, das vereinfachen kommt mir sehr entgegen.

In einem dieser Momente der Langeweile Ruhe kam ich auf die irrige Idee, mich mal wieder bei meinem schon seit ca. einem Jahr deaktivierten Facebook-Account anzumelden. Die Daten sind schließlich alle noch da. Es war so verführerisch und einfach. Ein guter Freund von mir lehnt derlei Netzwerke seit eh und je ab. Er hätte kein Interesse zu wissen, wann jemand auf Klo gegangen sei. Bisher verteidigte ich die sozialen Medien, dass dort nämlich mitnichten nur Klomeldungen zu sehen seien. Nein, tatsächlich nicht. Was zu sehen ist:
  • Meldungen, dass mal wieder irgendjemand irgendwo gewesen ist, dokumentiert mit Bild, als sei es wie eine Besteigung des Mt. Everest unbedingt zu beweisen..
  • Meldungen von jemandem wie er/sie sich mit Freunden mit irgendwas gar köstlichst amüsiert hat. Mit Bild von eben diesen Freunden, alle ganz ungezwungen in die Kamera lachend.
  • Die Erfolgsmeldung, wie man die super-tolle Wohnung trotz all der lästigen Konkurrenz und der nervigen Makler bekommen hat. Begleitet von einem Haufen Glückwunsch-Kommentare und „Daumen hoch!“
  • Die Empörmeldung, dass die AirBnB-Buchung nicht funktioniert hätte, weil der Vermieter kurzerhand abgesagt hat, begleitet von einem Haufen beipflichtender Kommentare, und dass es mindestens einigen schon selber passiert sei, oder zumindest einem Freund von ihnen.
  • Noch mehr Bilder von Freunden Facebook-Bekanntschaften, im Urlaub, im Club, beim grillen.
  • Ab und zu ein Katzenvideo, ein GIF von einem Tweet, oder ein geteilter, empörter Beitrag über dies oder jenes gesellschaftliche Problem (Giftköder, das Missionierungsbedürfnis von Veganern, Zugverspätungen, Rassismus, die großen Themen halt).

Natürlich alles vielfach geliked. Kurz: jeder ist der geilste, korrekteste, das aufregendste Leben führende Geilo weit und breit. Mein Leben ist geil – deins kann es auch sein, obwohl mir das eigentlich egal ist! Die Filterblase des eigenen Images, eine Selbstdarstellung frei jeglicher Ironie! Wobei wahrscheinlich nicht einmal Ironie hier noch helfen würde. Es ist jenseits der Selbstironie, jenseits der Zweifel an der Richtigkeit der eigenen Entscheidungen, voll der Verdammung von Entscheidungen anderer. Das Selbst ist der Maßstab, alles was nicht Selbst ist, darf bezweifelt werden – es sei natürlich denn, man ist damit „befreundet“.

In einem Anfall von Ekel beschloss ich, den lange hinausgezögerten Schritt, den Account nun endgültig zu löschen, wirklich in die Tat umzusetzen. Womöglich hatte ich es hinausgeschoben, weil ich immer noch dachte, ich könnte etwas verpassen. Aber was zu sehen war, waren all die Dinge von denen ich mich längst verabschiedet habe, die ich eben bewusst verpasse, die nicht mein Leben ausmachen – ich würde nichts vermissen. Ich würde keinerlei Erkenntnis mehr über die Anwesenden aus ihren Meldungen ziehen können. Es war an der Zeit.

Und warum aufhören, wenn es gerade so schön ist. Ein Blick in meine Passwortliste zeigte mir, dass es da noch so einiges zu löschen gäbe. Ließ erahnen, welche digitalen Spuren ich bereits hinterlassen hatte. Wie viele kaum noch genutzte Accounts ich noch rumliegen hatte, „falls man es nochmal braucht“. Wie gläsern ich mittlerweile war. Und wie kompliziert mein Leben dadurch geworden war. Es war an der Zeit, einen digitalen Frühjahrsputz durchzuführen.

Und ich löschte. Und löschte. Und löschte. Ein Lösch-Rausch. Bei vielen Accounts war das löschen erst gar nicht möglich. Ich würde dort immer in irgendwelchen Datenbanken abhängen.

Einige waren schon den Weg ins digitale Nirwana gegangen, ein weiteres Startup, das es nicht geschafft hatte. Oder ein Portal, das einer Umstrukturierung zum Opfer gefallen war (besonders häufig bei Bewerbungsportalen großer Arbeitgeber der Fall – also da, wo man am meisten Informationen von sich preisgibt. Könnte einem auch zu denken geben). Am Ende eines durchlöschten Nachmittags waren sage und schreibe über 50 Accounts dem Lösch-Rausch zum Opfer gefallen. Erstaunlich, wo man sich über die Jahre hinweg so anmeldet. Und was man doch nie wieder benutzt. Und wo man sich überhaupt überall anmelden muss, damit man irgendwas machen kann. Z.B. bei DHL, um den Auslieferungstermin eines Paketes beeinflussen zu können. Danke, nein Danke.

Übrig blieben ein paar wenige, vielleicht doch noch brauchbare Dienste. Dies Blog. Twitteraccount. E-Mail. Pizza-Dienst. Die „Biggies“, insgesamt trotzdem noch gut 70-80. Ich habe den Verdacht, dass ich die meisten gelöschten nie vermissen werde. Abgesehen davon, dass man zum Thema „Account-Löschung“ noch einmal einige ganz eigene Geschichten erzählen könnte, war es eine eher unnötige Erfahrung (hat schon mal jemand versucht, seine Adobe-ID zu löschen?), und irgendwie erleichternd.

Zum Opfer gefallen ist dabei aber auch ein Teil meiner Selbst-Darstellung. Es schien an der Zeit, das außen weniger  zu pflegen, und nicht mehr dauernd daran zu feilen. Weil ich nicht mehr daran glaube, dass das verteilen von Inhalten uns weiterbringt. Weil ich Angst habe, dass immer mehr belangloses Zeug produziert wird (wie vielleicht auch dieser Text), wir irgendwann die guten und wichtigen Dinge nicht mehr zu formulieren in der Lage sein werden, und das gute und das schlechte aufgrund der schieren Menge nicht mehr differenzieren können. Jeder stellt dar, was er selber ist oder gerne wäre: was nicht mehr oder weniger ist, als von allen anderen Menschen. Die wenigsten haben wirklich etwas zu sagen, haben neue Ideen. Die Mittelmässigkeit wird zum Inhalt, zum Star der Show erklärt. Es geht nicht einmal mehr um Authentizität (was man vielleicht noch hätte gelten lassen können), im Gegenteil, es wird immer künstlicher und modifizierter, ein Selfie ist längst kein spontaner Schnappschuß mehr, sondern eine Inszenierung. Schon banalste Aussagen werden gefeiert, einfach nur, weil jemand sie zur rechten Zeit am rechten Ort „geteilt“ hat. Ein schwammiges Gefüge von „wir“ und „die“ wird aufgebaut, mit Menschen, die wir kaum noch kennen. Die flüchtige Vereinigung ersetzt tiefere, längere Verbindungen. Auch, und gerade auf Twitter ist dies besonders zu beobachten. „Wir“, die „richtigen, echten, tollen“ Twitterer hinter denen, wie immer betont wird, „echte Menschen“ stecken (Klar. Was denn sonst). Wenn alle so wären wie „wir“, dann wäre die Welt gut. Wozu ich mich immer wieder selber hinreißen lasse. Die Kürze eines Tweets verführt zum bedingungslosen Anhängertum, oder zur generellen Ablehnung. Grautöne ertrinken in einem Meer von „echten“, bunten Farben. Ich pauschalisiere, aber so fühlt es sich an. Meine eigenen Tweets beschränken sich mittlerweile auf in meinem Gehirn aufgeschnappte wirre Gedanken, wütende Kurz-Rants gegen das „Böse“ in dieser Welt, ein paar nette bis billige Wortspiele. Nichts weltbewegendes. Dennoch gleichzeitig das auf- und ab der Follower verfolgend, und sich trotzdem über jeden Fav und Retweet freuend. Schizophren, aber vielleicht auch auf dem Weg zur Besserung.

Wie „modern“ kann man sein, wenn man am modernen Leben weniger und weniger teilnimmt? Wie relevant ist das für das eigene Wohlbefinden? Vielleicht sehe ich das ganze auch nur zu zynisch. Vielleicht bin ich auf meine eigene Mittelmässigkeit wütend. Darauf, dass ich nichts nachhaltiges zu erschaffen in der Lage bin, nur einer von Millionen von Content-Providern, die ihre „Weisheit“ mit allen anderen teilen. Vielleicht habe ich auch nur Angst, irgendetwas zu verpassen.
Vielleicht.
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About Greg B.

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