Verlass dich nicht auf unzuverlässige Dinge

Der digitale Lifestyle, cloud-basiert, mobil, App-gestützt, flexibel, dynamisch, dauerhaft connected, jederzeit bereit. Wenn es nur so wäre.

Wenn man „in der IT-Branche“ arbeitet, ist die Nutzung aller Vorzüge und Kniffe des modernen Lebens irgendwie selbstverständlich. Keiner fragt danach, alle machen es einfach. Wir sind schließlich Techies, vielleicht nicht immer Nerds, aber auf gar keinen Fall technikfeindlich, und daher allzeit bereit, den neuesten Scheiß auszuprobieren und zu unserem „Vorteil“ ins Leben zu integrieren. Aber irgendwie habe ich manchmal das Gefühl, dass wir uns von einem recht langsamen, gut funktionierenden Leben, in ein schnelles, hakelig funktionierendes Leben im konstanten Beta-Zustand verändert haben und weiter verändern. Denn so viele Verbesserungen kommen mit dem Preis, dass sie halt nur so quasi gewissermaßen ungefähr funktionieren, wenn überhaupt.

Klar ist mein Smartphone toll und nützlich. Ich habe knapp 100 Apps auf meinem Android-Telefon, von denen ich bestimmt 25 häufig bis sehr häufig nutze. Mindestens 1-2 Mal pro Tag verschlägt es das Telefon an ein WLAN (wenn das Telefon denn das richtige WLAN nimmt, und nicht schon wieder erstmal nach dem Passwort oder sonst einer Bestätigung fragt). Und schon meldet sich das System, dass ein paar Apps aktualisiert werden wollen. D.h. dann erstmal die Bandbreite belegen, und bei einem fast 2 Jahre alten Telefon, die Usability für mitunter entscheidende 15-20 Minuten massiv zu reduzieren: die Rechen-Power reicht einfach nicht. Warum müssen einige Apps alle 3 Tage aktualisiert werden? Warum muss ich mich ständig, gerade wenn ich mich an die Benutzung einer App gewöhnt habe, schon wieder umgewöhnen, weil ein Redesign durchgeführt wurde?

Und dann sind da die mit Anmeldungen. Die nur angemeldet funktionieren. Als ob ich mich überall anmelden wollte. Und dann soll ich natürlich für jeden Dienst ein neues Passwort nutzen (ich Idiot mach‘ das sogar). Wenn dann aber das ein oder andere Update kommt, dann ist die Anmeldung dahin, und man muss sich neu anmelden. Das passiert dann bevorzugt, wenn man ganz schnell etwas mit der App machen will, z.B. ein Auto reservieren, um eben schneller als z.B. die Bahn zu sein, oder ein Bahnticket, um einen Zug noch zu kriegen. Und schon kramt man im nächsten Cloud-Dienst nach seinem selten benutzten Passwort, tippt mühsam alles ein, und freut sich, dass man auch so unter Zeitdruck trotzdem noch irgendwie alles hinkriegt. Ein Zeitdruck, den man nur auf sich lädt, weil man sich auf unzuverlässige Dinge verlässt.

Das ganze funktioniert unterwegs natürlich nur, wenn man ein vernünftiges Telefon-Netz hat. Das ist aber keinesfalls die Regel. Dabei geben sich Telekom und Vodafone nicht viel, O2 war, bis ich dort ausstieg, noch schlimmer. Wenn es drauf ankommt, hängt das Netz gerne mal. Auf Daten ist ewig zu warten. Wieder trägt die Ausbremsung der schnellen Dienste nicht gerade zur Entspannung bei. Spotify will erstmal die Historie abgleichen, die Foto-App die letzten Fotos ergänzen, Evernote will sowieso alles checken und downloaden, damit es offline dann trotzdem nicht wirklich verfügbar ist. Sei es in der Bahn, sei es in einem schwachsinnig verkleideten Gebäude, das drinnen schlicht keinen Empfang hat, sei es in Sichtweite des letzten Sendemastes: immer hindert irgendetwas die Empfangsleistung, stellt sicher, dass von den werbe-gepriesenen 42 MBit höchstens die Hälfte durchkommt. Oder ein Zehntel.

Richtig schlimm wird es, wenn man wirklich Daten in der Cloud speichert. Bevorzugt passiert das im Hintergrund, wo man nichts davon mitkriegt, ausser dass das, was man eigentlich gerade macht, fürchterlich langsam wird. Es müssen ja erstmal alle möglichen Änderungen synchronisiert werden. Will ich dann tatsächlich mal ein Dokument öffnen, ist es womöglich fehlerhaft synchronisiert. Will ich es speichern, dauert es ewig, bevor es in die Cloud geschoben wurde. Verbindungsabbruch. Ist es nun sicher? Lieber nochmal lokal speichern. Es geht nichts über drölfzig Versionen der selben Datei.

Dann gibt es natürlich noch die Ärgernisse in der Mobilität, so lässt sich ein Car2Go zwar zum Münchner Flughafen fahren, dieser lässt sich aber im enthaltenen Navigationsgerät nicht finden. Zurück zur Handy-Navigation, schön an die Scheibe per Saugnapf, ein wenig mittelalterlich. Dass das ein oder andere gesuchte Auto mal einfach nicht da steht, wo die App es anzeigt, ist das nächste Problem. Und dass ich erstmal eine umfangreiche Evaluation des Fahrzeugzustandes machen soll, bevor ich es anmieten darf (der User darf „mitarbeiten“) lässt ein merkwürdiges Gefühl der Überinvolvierung zurück. Der Dienstleistungsgedanke wird aufgeweicht.

Und damit hört der neue Dienstgegenleistungsgedanke, nämlich dass der Kunde für die Dienstleistung etwas tun muss, noch lange nicht auf: mittlerweile kriegt man von jedem digital mal schnell genutzten Scheiß 2-3 Tage später a) einen Newsletter – häufig auch dann, wenn man ihn (vermeintlich) abgewählt hat, und b) die Aufforderung, den Dienst zu bewerten. Dauert nur 1-10 Minuten oder irgendwo dazwischen, das werden Sie neben den 27 anderen Bewertungen die Sie noch im Postfach haben ja wohl ohne Probleme hinkriegen, bitteschöndankeschön.

Unterm Strich bleibt das Gefühl, dass das moderne, digitale Nomadenleben zwar recht dynamisch rüberkommt, aber einfach einen enormen digitalen Organisationsaufwand erfordert. Wirklich flüssig und einfach läuft da ungefähr, in Summe, fast gar nichts. Und ich weiß, man kann an vielen Stellen vereinfachen, weniger Dienste nutzen, einheitliches Passwort, weniger E-Mail-Adressen, Facebook-Login (den ich verweigere) usw. usw., aber man will sich auch nicht ganz aufgeben. Daher wird mich der digitale Lifestyle wohl bis auf weiteres noch mehr Nerven kosten.

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About Greg B.

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