Ausschleichen

Es ist so eine Sache mit den Psychopharmaka. In der Breite mißverstanden, im Einzelfall nicht ganz unkompliziert, aber unterm Strich eine sinnvolle notwendige Angelegenheit.

Was ich nicht kenne, kann nur gefährlich sein

Bei ziemlich allen Medikamenten, die man von einem Arzt verschrieben bekommt, geht man zunächst davon aus, dass sie einem helfen – natürlich ist dem informierten Patienten heutzutage bewusst, dass es Nebenwirkungen geben kann, dass das Medikament selten Wunder vollbringt, und dass es bei jedem Menschen unterschiedlich wirkt. Bei Anti-Depressiva scheint jedoch generell erst einmal eine umgekehrte Denke zu existieren: ein wirkender Effekt mag existieren, wird jedoch vermeintlich von unzähligen, kaum näher benennbaren anderen Effekten komplett überflüssig und schlicht gefährlich gemacht.

So ist es wohl immer noch allgemeines Verständnis, dass jegliche Form von Antidepressiva abhängig macht, man sich problemlos eine Überdosis zubereiten kann, dass es die Persönlichkeit verändert. Was natürlich alles Bullshit ist. Vom Grundsatz her ist ein AD „nur“ dafür da, den inneren Stoffhaushalt, der durch eine Depression durcheinander geraten ist, wieder ein bißchen ins Gleichgewicht zu bringen. Von da aus kann man dann die äusseren Umstände (Verhalten, Emotionen, soziales Umfeld, was auch immer die Depression bedingt hat) einfacher bzw. überhaupt ändern, daran arbeiten, um dann irgendwann auch wieder ohne chemische Hilfe seinen Stoffhaushalt gerade halten zu können. So ungefähr. Keineswegs entwickelt der Körper oder die Psyche aber wirkliche Abhängigkeitssymptome – vielmehr besteht die Gefahr, wenn man die Medikamente absetzen will, dass man schneller oder härter als geplant / erwartet, wieder in seine alten Muster und emotionalen Löcher fällt – was aber etwas ganz anderes als Abhängigkeit ist, auch wenn es sich ähnlich anfühlen kann. Auch sind es nicht die Anti-Depressiva, die die Persönlichkeit verändern: es ist die Depression, die das tut. Und man möchte gerne wieder die Person ohne Depression sein.

Es ist nur eine Phase…

Dabei gibt es natürlich auch unterschiedlichste Fälle in der Anwendung: einige kriegen ihr Leben mit Hilfe von ADs wieder in den Griff, einige sind für längere Zeit oder immer darauf angewiesen, weil alle Verhaltensänderungen und Lebens-Verbesserungen nicht ausreichen, die eigene Stoffproduktion genügend anzuregen. Hat man das geeignete AD gefunden, mit guter Wirkung, und dabei möglichst wenig Nebenwirkungen, spricht auch nichts dagegen, es über längere Zeit weiterzunehmen.
Nun bilde ich mir ein, mit diesen lustigen Mittelchen schon einigermaßen Erfahrung zu haben. Mehr, als der allgemein miß-informierte Neu-Psycho-Patient jedenfalls. Mirtazapin, Seroquel, Trevilor/Venlafaxin, Citalopram/Escitalopram, Sertralin, Trimipramin, das ein oder andere -zepam (Tavor, Benzodiazepam, die jedoch wirklich abhängig machen), manch uninformierter Zeitgenosse denkt, ich hätte eine umfangreiche Medikamenten-Mißbrauchskarriere hinter mir. Dem ist allerdings nicht so. Tatsächlich stehe ich den Medikamenten sehr kritisch gegenüber, und beobachte sehr genau, was sie mit mir machen. Dabei entgeht mir jedoch auch nicht, dass sie in kritischen Phasen so einiges an guten Effekten haben.
Für mich charakteristischstes Symptom für eine psychische Krise, ein „seelisches“ Loch oder die gute, alte depressive Episode sind immer die kreisenden Gedanken. Das sich-hineinsteigern in irgendwelche unsinnigen Vorstellungen („Ich bin nichts wert.“, „Niemand liebt mich.“, „Niemand wird mich je wieder lieben.“, „Das Leben ist zu anstrengend und macht einfach keinen Sinn. Wozu bin ich hier?“) greift schnell um sich, bestätigt sich selber, nimmt zügig das ganze Denken und Leben in Beschlag. Eine sich selbst verstärkende Endlosschleife, die einen vermeintlich in den Wahnsinn treibt, aber wahrscheinlich einfach schon das erste Stück des Wahnsinns IST. Und in den manchmal immer seltener werdenden lichten Momenten denkt man sich, dass das einfach fürchterlich anstrengend ist, und man sonstwas tun würde, um da wieder rauszukommen. Es ist ein bißchen wie Treibsand: je mehr man strampelt, um so tiefer versinkt man darin. Und Anti-Depressiva können dann die geeigneten Mittel sein, das strampeln zu beschwichtigen, und einem vielleicht sogar ein Seil zum rauskommen in die Hand zu geben. Die persönliche Arbeit liegt dann darin, aus dem Umfeld des Treibsands zu verschwinden, und nicht wieder irrtümlich, aus Unachtsamkeit meist, dort wieder hineinzufallen. Die gefürchtete „Psycho-Droge“ kann der Schlüssel sein, dass man aus einem Loch wieder herauskommt, die Qualen nachlassen, ein Hauch von Hoffnung aufkommt, und man überhaupt wieder handlungsfähig wird. Eine Depression ist viel zu gefährlich und hinterhältig, als dass man nicht mit allen verfügbaren Waffen gegen sie kämpfen sollte.

Treibsand

Mein letztes größeres Treibsand-Event liegt nunmehr 3 Jahre zurück, und dank Medikamenten, aber auch Auseinandersetzung mit dem Auslöser, und professioneller Hilfe (unschätzbar, der neutrale Blick von außen, der immer wieder so vieles klären kann!), bin ich mittlerweile an einem Punkt in meinem Leben angelangt wo ich denke: ok, jetzt geht’s auch ohne chemische Hilfe. Ich kenne meine Sandlöcher, ich kenne was mich dort hineinschubst, zwar muss ich ständig auf sie aufpassen, aber ich kann mit ihnen umgehen.
Und dann kommt da noch der zweite Punkt: nämlich dieses merkwürdige Gefühl, dass Anti-Depressiva tatsächlich die Gedanken sortieren, nicht nur das Karussell stoppen, sondern auch für mehr Fokus, Realismus und Struktur in den Gedanken sorgen. Sie räumen auf. Aber manchmal tun sie dies zu umfangreich, und sortieren Gedanken, die gar nicht sortiert werden sollen! Meine Kreativität fühlt sich eingeengt, ich fange an, mir selbst zu berechenbar zu sein, und sehne mich danach, mich selber wieder mehr überraschen zu können. Und dann fühlt es sich doch an, dass ich mich von meinem ursprünglichen, vielleicht etwas bunter denkenden Ich entfernt habe, nicht mehr komplett ich selbst bin, sich meine Persönlichkeit womöglich doch ein wenig verändert hat. Sehr fein nur, und ein geringer Preis dafür, einfach überlebt zu haben, aber doch. Und irgendwann muss es damit auch mal gut sein.

Somit bin ich nun also dabei, nach und nach die Dosis zu reduzieren, mal einen Tag zwischen den Pillen zu lassen, sie zu halbieren, mitunter zu vergessen. Dabei ist es spannend zu beobachten, wie sich die dunklen Gedanken immer wieder ihren Weg bahnen, ich ihnen regelmässig wieder Einhalt gebieten muss, wie aber auch die Ideen wieder kommen, sich meine Person wieder mehr zum altbekannten ändert, ein verbessertes, altes Ego, das auf dem Weg zu sich selbst ein paar Ehrenrunden gedreht und dabei so einiges gelernt hat. Eine spannende Reise, die nun wieder zu mir zurückführt. Hoffentlich.

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About Greg B.

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2 responses to “Ausschleichen”

  1. emicontent says :

    Ich weiß nicht ob Sie ein „Kommentar“ überhaupt wünschen – Sie können es ja immer ignorieren – es freut mich nun sehr, daß AD Ihnen anscheinend geholfen haben (habe Freunde, die ohne nicht mehr lebensfähig zu sein scheinen!?) – bei mir war das irgendwie nie der Fall OBGLEICH es öfter versucht worden ist – einmal hab ich sogar selber den Versuch gemacht, da ich Monate lange nicht aus einem bleiernen Grau rauskam & es ging mir NOCH schlechter mit als ohne, also ließ ich es sein & irgendwie hab ich langsam aber sicher doch noch zu mir gefunden vielleicht weil ich es selbst wollte – gerade wenn man schon ein Tief / Loch oder Krise überstanden hat, weiß man daß man es nicht wiederholen mag & vielleicht hat da NLP irgendwie schon recht daß man sich auch selbst umprogramieren kann – ich hab da mal einen „Breakthrough“ mit Meridian-Therapie erreicht – das erste mal im Leben habe ich selber zu mir sagen müssen /war nicht „my idea“!) daß ich mich akzeptiere oder gar liebe von mir aus & Sie würden STAUNEN was das mitunter SOFORT bewirken kann — ich kann es Ihnen nur empfehlen es selber mal auszuprobieren – mit ADs ist es nun mal so, daß Sie so einiges verändern – da würde ich die Nebenwirkungen auf Dauer wirklich nicht unterschätzen aber jeder muß selbst einen Weg für sich finden – ich wünsche Ihnen alles gute! Vielleicht hilft Ihnen das Buch unten eine wirksame AD-Alternative zu finden
    http://www.amazon.co.uk/Five-Simple-Steps-Emotional-Healing/dp/0743213874

    • Greg B. says :

      Kommentare gerne. Es ist natürlich alles nur meine eigene Meinung hier…aber ich denke, ein AD sollte nie ohne zugehörige Therapie genommen werden. Sonst ändert sich an einem selbst und der Erkrankung nämlich eben: NICHTS. Vielleicht ein Grund, wenn jemand nicht mehr „ohne“ kann, dass er neben den ADs nichts weiteres gemacht hat. Das ist nur zu verständlich, seine Baustellen bearbeiten kann ziemlich anstrengend sein… Auch bei mir hat es eben recht lang gedauert, bis es gepasst hat. Mühselig, und es lässt einen mitunter verzweifeln, aber eine Depression ist ja immer ein Langlauf, nie ein Sprint. Und ich glaube nicht wirklich, dass es zu ADs eine Alternative gibt…vielmehr Ergänzungen, die Meds sollten eben nicht allein stehen. Aber wenn jemand in einer echten Akut-Phase ist, an Selbstschädigung u.ä. denkt, dann würde ich ihm nicht wegen Gewichtsveränderungen, veränderter Libido oder Müdigkeit davon abraten, ADs zu nehmen. Wie gesagt, ich sehe ADs immer nur als Stabilisator, hoffnungsvollerweise nur für eine Übergangsphase, bis man auch ohne sie sein ICH wiedergefunden hat.
      Eine Voraussetzung für eine Heilung ist natürlich, dass man sich selber akzeptiert und sich so nimmt, wie man ist – aber das ist leider leichter gesagt als getan, denn eben dieser mangelnde Selbstwert ist ja häufig der Kern des Problems (ich kenne so einige, bei denen das seit Jahren und Jahrzehnten Thema ist). Wie man das erreicht, das muss wohl jeder selber herausfinden – die ADs helfen einem auch nicht, das herauszufinden. Es gibt hier so viele Methoden, Verhaltenstherapie, Lebenshilfebücher, Kunst, Kommunikation mit Menschen, Tiefenpsychologie mag auch helfen; aus meiner Sicht wichtigstes Mittel ist dabei eine Spiritualität, gleich welcher Art: denn sie ist im Prinzip eben das Selbst. Wie gesagt, ist für jeden unterschiedlich.
      Das Buch werde ich mir aber mal ansehen…

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