Das schöne Wetter macht mich depressiv

Was für ein geiles Wetter! Lass‘ uns was machen! Wir treffen uns im Biergarten! Schön im Park abhängen! Grillen, grillen, grillen, chillen und Leute treffen! In der Sonne liegen!

Nach gängigen etablierten Maßstäben gilt das derzeitige Wetter wohl als „schön“. Es ist jenseits der 30 °C und kein Regen weit und breit, jeder rennt in möglichst kurzen Kleidungsstücken rum, alles, was gesellschaftlich gerade noch anerkannt ist wird gezeigt an nackter Haut, Kaltgetränke und Eis finden reißenden Absatz, und jegliche Art von Feuchtbiotop wird Ziel vielfacher Pilgergänge. Alles bewegt sich etwas langsamer, es ist auch Urlaubsstimmung zu spüren, der Deutsche wird zum Bon Vivant und genießt das Leben. Also, jetzt mal so richtig!

Kein Grund zum depressiv sein also? Mitnichten. Es ist Verlaß auf die eigene Erwartungshaltung, man möge doch an all diesen Dingen teilnehmen, sich mit Menschen treffen, das Wetter genießen, so wie es schließlich alle vernünftigen Menschen tun! Das Problem bei der Sache ist nur: vielleicht ist das Wetter gar kein Genuß, und vielleicht definiere ich „vernünftig“ anders. Vielleicht will ich mir meine Freizeitbeschäftigung nicht vom Thermometer diktieren lassen. Vielleicht mag ich es nicht, in drückender Hitze mich in überfüllten öffentlichen Verkehrsmitteln dem olfaktorischen Overload der Mitreisenden auszusetzen. Vielleicht finde ich vieles einfach nicht besonders appetitlich, was nun so in der Öffentlichkeit gezeigt wird. Vielleicht mag ich kein Bier. Vielleicht verspüre ich keinerlei Verlangen nach totem, rußigem Tier. Wären Möglichkeiten.

Und doch ist da immer dieses Schuldgefühl, wenn man all die Dinge, die man nur, definitiv ausschließlich, unter diesen meteorologischen Bedingungen durchführen kann, eben dann nicht durchführt, aus den obigen Gründen. Wenn man sich all dem verweigert, froh ist, den Tag zu überleben, und sich abends mit ein paar Wasserflaschen unter dem Arm mühsam nach Hause zu schleppen vermag. Wenn man nicht irgendwelche Initiativen ergreift oder ihnen beiwohnt, die irgendwas irgendwo im freien zelebrieren. Wenn man nicht das Hautkrebsrisiko durch erhöhte UV-Einstrahlung beeinflussen mag. Auch dann noch fühlt man sich schuldig, einen Verrat an der Idee des schönen Wetters zu begehen, einen Betrug an der Freizeitgesellschaft, die ja nur darauf wartet, dass sie endlich Freiraum hat und endlich DRAUßEN freie Zeit haben kann. Man fühlt sich schuldig, weil man so offensichtlich kein Teil so vieler sozialer Zusammenkünfte ist, ein Aussätziger, ein FREAK! Ich betrüge das Volk um meine Anwesenheit.  Ich bin mir meiner Schuld dabei nur zu bewusst, und hadere mit mir, was ich anders machen könnte, was ich übersehe, was denn so toll an diesem Wetter ist. Muss ich schmerzbefreiter sein? Muss ich Bier mögen? Muss ich Gefallen daran finden, unansehnliche Kleidung zu tragen? Die Antworten sind klar, und dennoch grübelt man darüber…

http://clairikine.blogspot.de/2015/06/signs-of-summer.html

Aber, ganz im Vertrauen, ich nutze das schöne Wetter mittlerweile durchaus zu etwas: üben, dass es mir egal ist.
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About Greg B.

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