Hinderlichkeiten

Ein Umzug ist immer ein schöner Anlass, sein bisheriges Leben in Form von Dingen, Wertvollem und Unrat gleichermaßen, an seinem wirklichen Auge vorbeiziehen zu lassen. Kein kurzer Film, sondern ein oft wochenlanges, elendiges Feature mit schrecklichen Zooms auf grauenhafte Details, frei jeglicher Handlung, gefüllt mit Dramatik, Rückblenden, auf die Probe gestellten Freundschaften und sozialem und körperlichem Grenzgang. Gefolgt von Pizza.

So erging es mir kürzlich, als mal wieder ein Umzug anstand, und ich mein bisheriges Leben in Kartons verstauend noch einmal durchsehen durfte musste. Was mir nicht alles in die Hände fiel: hier ein altes Notizbuch (was habe ich nur damals gedacht und geschrieben?), dort ein Fotoalbum, Weiterbildungs-Zertifikate, die unterschiedliche Stationen des Lebens symbolisierten (und prägten); Musik, der Soundtrack zu allen möglichen Lebensphasen; Filme, die sich eingeprägt haben; Bücher, die man gelesen, durchblättert oder einfach nur irgendwann gekauft hat. Möbel, an deren Findung und Erwerb man sich noch zu gut erinnern kann. Klamotten, die man seit Jahren nicht mehr getragen hat. Küchenutensilien, die man nie benutzt hat. Kleinzeug, das man einmal für unglaublich praktisch hielt, das nun grässlich überflüssig wirkt. Ordner voller Unterlagen, die all das organisatorisch begleiten, und meist die finanzielle Sicht auf das Leben bieten. Alles hat eine Geschichte, alles weckt Erinnerungen, alles löst irgend etwas aus. Spannend, anstrengend, nachdenklich stimmend.

Am Ende all der Sortiererei und, ja, auch Wegwerferei, blieb ein Leben in Form einiger Möbel, und einem Haufen von ca. 45 großen und kleinen Kartons. Die es nun, aber das ist eine andere Geschichte, mit dem Leben einer anderen Person zusammenzuführen galt. Einige Möbel und fünfundvierzig Kartons, ist es das, was mein Leben bisher ausmacht? Sind es die Erinnerungen, die darin stecken, und die sie immer wieder bei mir auslösen? Oder ist mein Leben das, an was ich mich sowieso erinnern kann, ohne speziell darauf angestossen zu werden? Wie viel Anteil hat mein „objektifiziertes Leben“ an mir, an der Person die ich bin? Wie weit kann ich mich damit dadurch identifizieren?

Schon immer schwankte ich hin und her. Zwischen dem Erwerb und dem behalten, sammeln von Dingen: man könnte es später noch einmal gebrauchen. Es hat einem lange Dienste geleistet, und es wäre schade, es wegzuwerfen. Man hängt daran. Es ist einfach super-bequem, der berühmte alte Schuh. Und auf der anderen Seite das Gefühl, vom Ballast all der Dinge erdrückt und unbeweglich zu werden, für den Fall, dass man schnell weg muss, mit zu vielen Dingen belastet zu sein. Das Gefühl, dass nicht die irdischen Besitztümer es sind, die einem Glück und Wohlgefühl bereiten. Das Gefühl, dass andere Menschen mit diesen Dingen mehr anfangen könnten.

Dann hörte ich heute von der gerade umgezogenen Kollegin, die ihr Leben, obwohl bestimmt 10 Jahre jünger als ich, auch gerade in ca. fünfzig Kartons verpackt hatte. Und dabei offensichtlich gar nichts empfand, außer dem Ärger, das alles auszupacken, aktuell nichts wiederzufinden, und nun einen neuen Platz für all diese Besitztümer finden zu müssen.

Wieder einmal erinnerte ich mich an die Lehren aus den „Vier Edlen Wahrheiten„, jener Grundlagen der buddhistischen Lehre die davon erzählen, wie das Leiden des Menschen aus dem Anhaften an Begehrlichkeiten entsteht, und daher eben das Loslassen von diesen Begehrlichkeiten einen Weg aus dem Leiden bietet. Ich werde dies nicht weiter vertiefen, sich damit anfreunden und bekanntmachen muss jeder für sich, es gibt hierfür unterschiedlichste Wege. Aber wenn ich wieder einmal mit einer Situation hadere, mich nicht wohl fühle mit etwas, vor einer Entscheidung stehe, wie etwas weitergehen könnte, ob es mehr oder weniger sein soll: dann erinnere ich mich gerne daran. Und lasse los.

Und werde mich auch hier dafür entscheiden, dass so viele Dinge aus meiner Vergangenheit in meiner Gegenwart keine Rolle mehr spielen, und in Zukunft nicht mehr relevant sein werden, und mich nur davon abhalten, eben diese Zukunft spannend und neu zu gestalten. Mich immer wieder zu längst vergangenen, verlorenen/gewonnenen Schlachten zurückführen, den Blick auf das Unabänderliche lenken, während man das Änderliche aus dem Fokus verliert. Kurz, die einen davon abhalten, weiterzukommen. Und so mögen aus den fünfundvierzig Kartons vierzig werden, fünfunddreissig, dreissig; so mögen Möbel den Weg alles irdischen gehen, so mögen Klamotten anderen zum Vorteil gelangen, einzelnes, wirklich brauchbares wird auch seinen Weg zu Hilfsvereinigungen für Flüchtlinge finden, so dass diese sich hiermit bestenfalls eine eigene, hoffnungsvollere Zukunft aufbauen können. Ich werde loslassen.

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About Greg B.

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