Nachrichtengelage

Es gab eine Zeit, so bis Mitte 20, in der ich Nachrichten konsequent ignorierte. Mich schlicht und innig nicht für Politik, allgemeines Zeitgeschehen, die Entwicklung der Welt interessierte. Dementsprechend ignorierte ich Nachrichten-Medien, sah keine Tagesschau, und las keine Zeitungen.

Irgendwann änderte sich das, Schritt für Schritt, aber doch nachhaltig…vielleicht Hand in Hand gehend mit der steigenden Verfügbarkeit von Internet-Nachrichten, wer weiß…so dass ich mich mittlerweile getrost als Nachrichtenjunkie bezeichnen würde. Nicht zuletzt durch Twitter hat meine Nachrichtenversorgung eine mitunter beängstigende Geschwindigkeit erreicht: jegliche Rücktritte, „live“-Tweets von irgendwelchen Katastrophen, die schnell weitergereichte Eilmeldung, die den Besuch diverser Nachrichtenzeitungen triggert. Und eben der ausgiebige Besuch von Nachrichtenseiten, so dass ich immer über möglichst viel Bescheid weiß: der Versuch, bestens im Bilde zu sein.
Man kann hier nur scheitern, zu groß ist die Vielfalt und Fülle, aber auf der anderen Seite ist es spannend, wenn man mit Nicht-Junkies ins plaudern kommt. So viele Informationen, die man für „Allgemeinwissen“ hält, weil sie ja „gerade in den Schlagzeilen“ sind. Dem ist natürlich nicht so, und wieder und wieder muss man die derzeitige Nachrichtenlage jemandem erklären, vorausgesetztes Wissen nachreichen, aufklären: so und so ist der Sachverhalt, der hat das dann gesagt, deshalb ist das hier eine besonders abgefahrene Wendung und ein krasses Statement. Man neigt in diesen Momenten dazu, die Überdramatisierung der Medien aufzugreifen, mitzueilen von Entwicklung zu Entwicklung. Ist es ein besonders interessantes Thema, saugt man jedes Fitzelchen auf, ist über mehr Details informiert als einem vielleicht gut tut: Information Overload. Die Abstraktion, der Blick von oben, die Gesamtsicht und der Überblick, sie gehen einem irgendwann verloren. Vor lauter Zusammenhängen erkennt man die Abhängigkeiten nicht mehr, im Kleinen geht das Große verloren. Denn egal wie schnell sich die Welt mittlerweile drehen mag, alles braucht seine Zeit, keine Entwicklung geht über Nacht, nichts verändert sich innerhalb der Zeiträume, in denen im Netz gedacht wird.Der Mensch an sich ist träge. Die Welt braucht 24 Stunden, um sich einmal zu drehen. Vorher wird nichts anders. Sei die Nachricht noch so schrecklich, weitreichend, tiefgehend, banal oder nahegehend: alle werden 24 Stunden brauchen, bevor sich herauskristallisiert, wo es dann hingehen könnte.
Eine Meldung wie die „Einigung“ mit Griechenland über die Wideraufnahme von Verhandlungen über Hilfspakete ist am selben Tag rauf- und runterdiskutiert worden, analysiert, verflucht und gelobt worden, und doch wird sie ihre Bedeutung erst mit den darauf folgenden Aktionen, den Reaktionen in Griechenland, den Abstimmungen im Parlament, den weiteren Besprechungen der Finanzminister erreichen. Der nächste Schritt noch nicht passiert, ihn vorwegnehmend weiß offensichtlich jeder schon was dies zu bedeuten hat. Wie kann das sein?
Es ist ein wenig, wie wenn man auf einem Karussell entlangläuft, das sich durch die eigenen Schritte beschleunigt: es wird immer schneller, man kann nicht mehr bremsen, und irgendwann entreißt es einem den Boden unter den Füßen, und man landet auf dem Hintern. Die Nachrichtenlage überholt einen, und man weiß nicht mehr wo oben und unten ist, sollte einmal zurücktreten, um zu prüfen, was das alles eigentlich bedeutet. Und in diesem Moment erkennt man, dass vielleicht auch eine gelegentliche, vorsichtig dosierte Nachrichtenaufnahme durchaus ihren Sinn hat, manchmal ausreicht, um ein bißchen von der Welt mitzukriegen, und sie vielleicht sogar ein bißchen zu verstehen.
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About Greg B.

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