Dabei sein ist gar nix

Die Begeisterung der Massen fand ich immer schon sehr spannend. Wie kann es passieren, dass eine große Menge Menschen sich tatsächlich für ein und dasselbe begeistert – trotz aller gewünschten Individualität? Was macht den Reiz von verschiedenen Massenveranstaltungen aus, lässt einen die (offensichtlichen) negativen Aspekte hinreichend ausblenden, und einfach in eine Menge stürzen?

Sicher, ein Zusammengehörigkeitsgefühl gehört dazu. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er braucht andere Menschen. Brot & Spiele sind das nächste, man amüsiert sich, fühlt sich unterhalten, abgelenkt vom täglichen Einerlei. Das kann ich noch nachvollziehen. Aber wenn man sich durch dichtes Gedränge schieben muss, stundenlang für ein (überteuertes) Bier Schlange steht, sich in überfüllten U-Bahnen in drückender Hitze durch die Stadt zwängt, und alles nur um, beispielsweise, ein paar Schlepper rudimentär nach einer Musik auf den Wellen schwanken zu sehen?* Nun ja, es ist eine Frage des Geschmacks, aber mir erschließt es sich nicht. Insbesondere in Hamburg scheint diese Form der „Unterhaltung“ aber besonders beliebt, oder auch politisch einfach forciert zu sein (Brot & Spiele eben). Fast jedes Wochenende gibt es eine Großveranstaltung, etwas, zu dem hunderttausende, oder gar Millionen Menschen strömen können, und optimalerweise den Verkehr in weiten Teilen der Stadt lahmlegen. Ich werde es hier nicht auflisten.

Und dann gibt es noch den ganz alltäglichen Wahnsinn: Eine unendliche Reihe an Baustellen (niedriger Zins macht es möglich), sowohl im Häuserbau als auch im Straßenbau. Großbauprojekte (A7-Deckel), Sanierungen, Busbeschleunigung, Barrierefreiheit, hier oder dort mal die ein oder andere Brücke ausgetauscht: eine Fahrt durch die Stadt gleicht einem Spießrutenlauf, mit ständigen Überraschungen, wo denn nun schon wieder ein neues Loch in einer bekannten Häuserfront ist. Staus an völlig unerwarteten Stellen, und Umwege führen einen mitunter völlig ins Verderben. Besonders spaßig auch der Sonntag, als wir wegen einer, genau, Großveranstaltung, einfach nicht über eine bestimmte Straße gekommen sind, und wieder umkehren mussten.

Mehr Wahnsinn geht immer

Und in all diesem Wahnsinn, der das Leben in der Stadt bestenfalls ärgerlich, teilweise schlicht unlebenswert macht, kommt nun die Idee, da einfach noch einen obendrauf zu legen: die olympischen Spiele müssen her! Dringend! Wir brauchen das, weil Deutschland sonst nicht groß genug in der Welt da steht, Hamburg wachsen muss, und überhaupt wir ja die geilsten sind! Oder was auch immer die Denke dahinter sein mag. Abgesehen vom Geld, das dafür womöglich ausgegeben wird, von den ökologischen Auswirkungen, der Fragwürdigkeit, das auf die südliche Seite der Elbe zu setzen, und der Frage nach dem danach: was treibt die Politik an, der Stadt weitere 7 Jahre Dauerbaustelle zu verordnen? Der öffentliche Nahverkehr ist im Normalzustand schon häufig am Limit. Mobilität wird immer weiter eingeschränkt. Die Wohnungspreise werden dadurch sicher nicht fallen. Sprich: die Lebensqualität (die in Hamburg schon recht hoch ist) wird auf absehbare Zeit sinken und eingeschränkt. Nur damit für 4 Wochen in ferner Zukunft der Welt eben eine hohe Lebensqualität, und deutsche Organisation vorgesponnen werden können? Während ich durchaus glaube, dass „Deutschland“ so etwas reißen kann (die WM 2006 war ja schon irgendwie wunderbar), glaube ich, dass sich dieses Projekt leicht in die Reihe mißgebildeter deutscher Großprojekte einreihen kann, das nur aus Prestige-Denken und Größenwahn entstanden ist. Mit der Elbphilharmonie zeigte Hamburg natürlich vorher schon, dass es sich mit so etwas auskennt. Ich weiß nur, wenn 2017 eine Entscheidung FÜR Hamburg fällt, dann sind meine Tage dort gezählt. Gewisse Dinge muss man sich einfach nicht antun.

* Wer es nicht kennt: Das Schlepperballett ist eine „Attraktion“ beim jährlichen Hamburger Hafengeburtstag. Ich scheiterte bisher, daran die Faszination zu erkennen. 2 winzig wirkende Schlepper, die einen 300-Meter-Containerfrachter im Hafen umdrehen finde ich wesentlich interessanter.

P.S.: Das ist nur einer der vielen Gründe, warum ich gegen Olympia bin. Aber dieser trifft mich jedes Mal, wenn ich auf Hamburgs Straßen unterwegs bin, warum man unbedingt seine Stadt lahmlegen will.

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