LEBEN in der „Fremde“

Lebensläufe sind nicht immer ganz gerade, und es ist schwierig, die beiden Bereiche “Privat” und “Beruflich” aufeinander abzustimmen. Das passt halt irgendwie nicht immer so ganz. Abgesehen davon, dass ich mir nach wie vor nicht sicher bin, wie ich überhaupt einen der Teile steuern kann. Es ist immer mehr ein Ergreifen von Möglichkeiten, und hoffen, dass es dann in eine genehme Richtung geht.

Wirkliche Entwicklungen sieht man meistens auch erst über einen längeren Zeitraum, wenn man mal wieder seinen Lebenslauf überarbeitet, sein Xing-Profil schärft, oder mit der besseren Hälfte über die Vergangenheit reminisziert. Nur dann wird klar, dass sich tatsächlich etwas verändert hat, man weiter gekommen ist, plötzlich irgendwo ist, wo man sich vor 5, 10 oder 20 Jahren einfach noch nicht vorstellen konnte. Mal ein Rückblick nach 1995:

  • Ich hätte nicht gedacht, in Hamburg zu leben. Jemals, bzw. immer noch
  • Ich hätte nicht gedacht, tatsächlich in der IT-Branche tätig zu sein
  • Ich hätte nicht gedacht, dass ich einen “People”-Job haben würde, in dem ich täglich hauptsächlich mit Kommunikation beschäftigt bin
  • Ich hätte nicht gedacht, verlobt zu sein, ein gemeinsames Heim, gemeinsame Pläne zu haben
  • Ich hätte nicht gedacht, so viele merkwürdige Dinge auf dem Weg dorthin erlebt zu haben
  • Ich hätte nicht gedacht, immer noch eine innere Unruhe zu verspüren, dass es noch irgendetwas anderes geben müsste
  • Ich hätte nicht gedacht, all diese Dinge mit mir unbekannten Menschen über das Internet zu teilen. Obwohl…das hätte ich mir tatsächlich schon vorstellen können, bei meinen ersten Gehversuchen unter NCSA Mosaic auf einer NEXT-Workstation (erinnert sich noch einer, das nicht besonders erfolgreiche Zwischenprojekt von Steve Jobs, als er nicht mehr bei Apple war?)

Und so muss man ständig seine Erwartungen anpassen, seine Situation evaluieren, Pläne justieren, und auf neue Chancen warten.

Lebensmittelpunkte

Mein Lebensmittelpunkt in den letzten 19 Jahren war Hamburg. Ist es tatsächlich immer noch. Auch wenn mir die Stadt zunehmend unbefriedigender erscheint, mit ihren größenwahnsinnigen Anwandlungen (Wachsende Stadt! Elbphilharmonie! Olympia! Autobahndeckel! Hafenquerspange! Elbvertiefung! 3,6 Billionen neue Wohnungen! Massenhaft Massenveranstaltungen!), dem enervierenden Wohnungsmarkt, und der Provinzialität, gepaart mit Weltstadtansprüchen, mag ich sie doch immer noch sehr – in Deutschland fiele mir weiterhin keine Alternative ein. Auch, und gerade, weil ich mittlerweile nicht mehr im Zentrum lebe, schätze ich die Kompaktheit, Übersichtlichkeit, das Grüne, und das zurückhaltende, zurückgezogene der Menschen (ok, die Überheblichkeit und das dezente Protztum können einem gehörig auf den Sack gehen).

Um so entwurzelnder gerieten dann kürzliche professionelle Entwicklungen, die mich für vermutlich längere Zeit nach München verschlugen. Vielleicht für 3 Monate, vielleicht für 1 Jahr. 4-5 Tage pro Woche, Woche für Woche. Und während Hamburg also immer noch der Lebensmittelpunkt ist, nimmt München nun einen wachsenden Raum in meinem Leben ein. Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, an dem ich ein neues Leben im gemeinsamen Heim versuche zu etablieren. München also. Eine Stadt, die ich vorher noch so gut wie gar nicht kannte, und die ich nun kennenlernen muss. Ein Leben in der Fremde.

Jo mei.

Und ich muss sagen, es ist schon sehr anders, und fällt mir schwer. Während es spannend und kurzweilig ist, eine Stadt auf Reisen für ein paar Tage zu erkunden, ihr Feeling aufzunehmen, einige wichtige Ecken zu sehen, ist es doch etwas ganz anderes, wenn man viel Zeit dafür hat. Und man nebenbei auch noch “sein Leben”, das ganz normale, leben will. Hobbies pflegen, Menschen treffen, sozial sein, Kultur erleben. Es fällt mir schwer, einfach abends loszugehen, und Eindrücke zu sammeln. Das ein oder andere einfach anzusehen. In die U-Bahn steigen, und irgendwo auszusteigen. Englischer Garten, Pinakothek, Maxvorstadt, Isar…ein paar Stichworte habe ich schon aufgeschnappt. Wo anfangen? Was will ich? Was kann die Stadt mir bieten, was mit meinem Leben konform geht? Eine Gelegenheit, sich selber neu zu entdecken. Aber halt auch eine Gelegenheit, verloren zu gehen, ein entgleitender Halt, ein Impuls in den Rückzug zu gehen – ich kenne mich, und werde kämpfen müssen.

Es bleibt anstrengend.

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About Greg B.

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