Über das unsichtbar sein

Nur zu gut erinnere ich mich an den Film über den Unsichtbaren. Claude Rains muss es gewesen sein. Aufgrund eines von ihm entwickelten Unsichtbarkeits-Serums wurde er aggressiv und psychotisch – und erst am Ende durch den Tod erlöst, filmisch spektakulär Ader für Ader wieder sichtbar werdend. Manchmal muss ich an ihn denken, ob seine Aggression nicht vielleicht auch ein Bild war für die Verzweiflung, die sich aus dem nicht-gesehen-werden ergeben kann. Eine Gegenreaktion dazu, von anderen Menschen nicht wahr- oder ernst genommen zu werden. Wobei der Regisseur erklärte, dass es einfach nur ein Zugeständnis an das Publikum sei: ein Mensch, der sich unsichtbar machen will, sei automatisch „verrückt“.

Dabei wäre es doch, wenn man nicht so gerne im Mittelpunkt steht, ganz angenehm, etwas „unsichtbar“ sein zu können. Nicht immer gleich angesprochen zu werden, nicht alle Augen auf sich zu ziehen: ein wenig in der Menge verschwimmen. Einfach seine Ruhe haben. Aber irgendwie kann man sich das gar nicht so richtig aussuchen. Man wird doch immer so wahrgenommen, wie man „rüberkommt“, hat Charisma oder nicht, fällt auf, wenn man den Raum betritt, oder eben nicht. Der eine hat es, der andere nicht. Erklären kann es keiner so recht. Wer darauf hinarbeitet das zu ändern, wird mit ziemlicher Sicherheit andere Ergebnisse erzielen als er sich gewünscht hat.

Manchmal wundere ich mich aber, wie wenig ich selber wahrgenommen werde. Wie sehr man mich ignorieren kann. Ich tue nicht viel dafür, weder in die eine noch die andere Richtung, bin auch nicht derjenige, der sofort auf Menschen zugeht: aber wie jeder Mensch denke auch ich, dass ich etwas zu sagen habe, dass ich zu Diskussionen etwas beitragen kann, meine Meinung ein Gespräch bereichern könnte. Und doch kann ich ohne weiteres eine Party betreten, ohne dass mich jemand dort wahrnimmt. Kann ich stundenlang dort rumsitzen, und werde Tage später gefragt, ob ich überhaupt dort gewesen sei. Ich kann in Gesprächsrunden teilnehmen, ohne dass jemals jemand eine Frage an mich stellt. Ich kann sogar die Stimme heben, und werde gnadenlos niedergeredet. Ich komme nicht dazwischen. Wenn dann doch jemand mit mir redet, habe ich selten das Gefühl, dass meine Worte wirklich wahrgenommen werden. Dass es keinen Unterschied macht, was ich sage. Es ist, als sei ich nur eine Puppe, ein Avatar, oder eben unsichtbar.

Ich rede mir ein, dass ich dies zu meinem Vorteil nutzen kann, der unauffällige Beobachter in der Ecke oder der wertfreie Zuhörer sein könnte. Immerhin etwas. Ich denke, die entscheidenden Menschen werden mich sehen: das stimmt natürlich. Aber manchmal will man auch weniger entscheidenden Menschen etwas sagen. Und es bleibt mir ein Rätsel, wie ich das tun kann.

Umso wertvoller ist es, einen Menschen zu finden, bei dem man sich eben wirklich wahrgenommen fühlt, der zuhört, hinterfragt, bei einem ist, egal was man gerade redet, und einem reflektiert, was man erzählt: und dem gegenüber man genau so empfindet. Diesen Menschen sollte man festhalten.
Du bist der Spiegel, in dem ich nicht unsichtbar bin.
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About Greg B.

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