Chaos: Plan : Plan: Chaos.

Mein Leben lang suche ich nach Regeln, nach Struktur, nach Ordnung, Mustern, einem Plan! Die Überlegung ist schließlich sehr einfach: ich ordne meine Gedanken. Ich ordne meine Taten entsprechend, in unmittelbarer Folge. Ich ordne alles um mich herum, und verstehe mit welchen Mustern sich alles um mich herum bewegt. Warum Menschen tun was sie tun. Warum manche Aktion bestimmte Reaktion erzeugt. Warum das Licht ausgeht, wenn ich den Schalter betätige.

Und wenn ich all das verstehe, weiß ich welche Schalter ich betätigen muss, damit die richtigen Lichter angehen, die richtigen ausgehen. Welche Worte ich sagen muss, um beim Bäcker mein Brötchen zu kriegen. Wo ich mein Geld hinbringen muss, damit ich übermorgen noch ein Dach über dem Kopf habe. Wo ich den Haken setzen muss, damit weiter Geld reinkommt. Und vor allem weiß ich, wem ich was nicht sagen darf, damit das Geld nicht weniger wird. Wie viel ich von mir preisgeben darf, nein, sollte!, um als Mensch wahrgenommen zu werden, und nicht als Bedrohung. Wo ich mich anbiedern muss, und den Krawall und die Widerworte lassen muss, damit mir die Bequemlichkeit nicht genommen wird. Ich spreche von Chefs, Kollegen, dem Internet, der Bank, dem Finanzamt, dem U-Bahn-Mitfahrer, der Maklerin; dem Karten-Kontrolleur, dem Polizisten, den Behörden, Vermieter, Bäckerin, dem Honk vor mir in der Schlange, Linke-Wähler, Bild-Leser, Busfahrer, Nachbar, Spaziergänger mit oder ohne Kinderwagen, dem Gitarristen auf der Bühne, und tausenden von anderen Menschen. Ich weiß, was ich Ihnen sagen soll und darf, damit mein Leben von möglichst wenig Widerstand geprägt ist, ich die Erwartungen an mich und die Ereignislosigkeit meines Lebens erfüllen kann, die Gesellschaft mich umgibt, ich ein Teil von ihr, vermeintlich unentbehrlich bin, ohne dass etwas passiert wenn ich ausfalle, sondern nur wenn ich auffalle.

Diese Struktur, die einem von jeher mitgegeben wird, sie zu erlernen, zu befolgen, sich ihrer anzupassen. Sie färbt ab. Man versucht in allem eine Struktur zu erkennen, um alles besser zu verstehen. Zu verstehen, was nicht zu verstehen ist. Man sucht die Muster, die eigene Ratio zu befriedigen, für alles eine passende Erklärung parat zu haben, für alles eine vordefinierte Handlung, und damit möglichst weit und glatt und flutschig und elegant nach vorne, oben, weiter zu gleiten!

Studiert, betriebswirtschaftliche Hintergründe, ohne sie jeweils zu verinnerlichen. Strukturiertes Denken, Problemlösungsorientiert, systematische Analyse der Situation, Wissen um das Wissen und wo es zu finden ist, Methoden sich selbst in die Lage zu versetzen mit Dingen, die einem von anderen in absurdester Weise vorgesetzt wurden, umzugehen. WIssend was Zinsen sind, verständnislos was Zinseszinsen sind, ahnungslos was das herausholen eines Vorteiles aus dem Finanzsystem angeht. Etwas absetzen, das ist schon zu fern, aber es wäre legitim: das System, die Struktur erlaubt es. Tatsächlich, je mehr man das System und seine Strukturen ausnutzt, um so anerkannter wird man. Gewieft, ein Fuchs, der sich nichts gefallen lässt, sich nicht für dumm verkaufen lässt. Ehrfurcht und Anerkennung der anderen Systemintegrierten wird einem sicher sein!

Und irgendwann fängt man an zu glauben, dass einem dies gefällt. Dass man die Ruhe, die aus der Beherrschung des Systems und seiner Regeln zieht, tatsächlich schätzt und sucht. Dass man zufrieden ist, wenn man eine Steuerrückzahlung kriegt, den günstigsten Deal bei Media Markt gemacht hat, die Urlaubstage optimal ausgenutzt hat (Brückentage!), und nebenbei womöglich auch noch ein paar Pfandflaschen einem Bettler zukommen lassen hat. Für’s Gewissen, wissen’s schon. Und wenn man all das erst einmal glaubt, dann ist man drin, ein Teil dieses von Menschen gegen Menschen geschaffenen Systems, dieses perfiden Kreislaufes der sich immer neue Regeln ausdenkt, von Menschen, die sich an die Regeln gewöhnt haben und neue schaffen müssen, um die Orientierung nicht zu verlieren, um ihren Glauben an eine geregelte Welt nicht abgeben zu müssen.

Und vielleicht kommt dann doch einmal der Gedanke, dass Chaos und Unordnung und Überraschung und Feinheit und Ungenauigkeit und Deutungs-Nicht-Hoheit und Meinungsspielraum und Unlineares und nicht-messbares und nicht-bewertbares spannender sein könnten als all das andere. Vielleicht.

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About Greg B.

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