Pappattrappe

Eine Schaffnerin hat heute angeblich eine komplette Schulklasse aus der Bahn geworfen, weil ihr Ticket nicht entwertet war. Sollte dies stimmen, würde Die Bahn sie natürlich entschädigen, mit Fahrkarten oder einem “Blick hinter die Kulissen”.

Was die Schulklasse da wohl zu sehen bekommen würde: abgesehen von PR-Gerede und überreichten Hochglanz-Broschüren und sich beim arbeiten unangenehm beobachtet fühlenden Mitarbeitern, womöglich auch einen Einblick warum solche Ereignisse bei der Bahn immer wieder möglich sind.

Begegne ich neuen Menschen, so lasse ich mir Zeit diese näher kennenzulernen. Ich bin keiner, der sich sofort auf diese stürzt, oder mehr oder weniger tatsächlich interessiert diesen diverse Standardnormalfragen stellt, über Job, Werdegang, Hobbies, was er/sie hier macht, wie lang schon etc. Stattdessen beobachte ich, die Interaktion der Menschen untereinander, was sie sagen, wie sie es sagen, wie sie sich mir und meiner Zurückhaltung gegenüber verhalten (die kann nämlich viele aus der Reserve locken…), wie sie handeln und was sie anscheinend antreibt. Ich lausche ihren Gesprächen, bin unaufdringlich, ungefährdend, “da”, aber nicht unbedingt präsent. Und bekomme dabei so einiges mit. Vereinzelt stelle ich dann auch mal eine Frage, oder zwei, das minimalste, um die ein oder andere Grundinformation zu bekommen. Daraus bildet sich langsam ein Bild, und ich kann erkennen mit welchen Menschen ich gerne klarkomme, welche mir eher egal sind, und welche mir womöglich negativ geneigt sind. Ja, das klingt sehr berechnend, aber zumindest versuche ich damit nur Kontroversen und Auseinandersetzungen zu minimieren, und zu einem für möglichst alle positiven Ergebnis kommen zu können.

Von Zeit zu Zeit gibt es dann den ein oder anderen Menschen, von dem man glaubt dass er einen noch eine Weile begleiten wird, oder bei dem man es gerne sehen würde, sie noch länger im Leben zu behalten. Man wird interessierter, nutzt Gelegenheiten ihn/sie besser kennenzulernen. Vielleicht hat man sich vorher auch schon ein spannendes Bild von dem Menschen gemacht, denkt sich wie toll der womöglich ist, und was er/sie einem voraus hat. Und dann fängt man an zu reden, macht mal ein bisschen mehr die Pforten auf, und dann kommt es weniger überraschend als erwartet: auch dahinter steckt ein normaler Mensch, der genau so am kämpfen ist wie man selber, der sich seiner selber viel weniger sicher ist als man dachte, und der womöglich selber auch auf diese Gelegenheit gewartet hat, sich ein wenig mehr zu öffnen. Er/sie wird menschlicher. Und alles relativiert sich, und plötzlich sind alle Menschen nur all zu menschlich, und man selber auch, und die Unterschiede schwinden und man sieht hinter die Fassade des Menschen wie hinter die Fassade der Bahn und stellt fest: auch nur eine Pappattrappe, genau wie ich.

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About Greg B.

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