Tweet! Tweet! (Stille) Tweet!

Wozu eigentlich diese Twitterpausen?

Ach, ich weiß es doch auch nicht. Ich liebe Sprache. Ich liebe was man damit tun kann. Ich liebe Subtilität, liebe es wenn sich durch verschieben, hinzufügen, weglassen eines Kommas, eines Buchstabens oder eines Wortes eine völlig neue Bedeutung in einem ansonsten banalen Satz ergibt. Ich liebe es wenn merkwürdige Worte auf eine komische Art einen Sinn ergeben, nicht zusammengehöriges plötzlich einen neuen Kontext ergibt, einfach dadurch, dass man es mal nebeneinander stellt. Ich liebe die Möglichkeit, ja, das Bedürfnis, seine Gedanken zusammenzufassen, “in eine Nussschale”, auf den Punkt bringen, und daraus womöglich wieder neue Erkenntnisse ableitend. Ich liebe es, wenn andere diese Bälle aufnehmen, dies schätzen, für anregend halten, darüber anfangen nachzudenken oder einfach nur zustimmend nicken und einen Stern der Wertschätzung daran hängen.

Ich liebe die Inspiration, die man von anderen Tweets bekommt, manchmal sich ärgernd dass einem dieser nicht selber eingefallen ist, manchmal dankbar die Anregung aufnehmend und den Faden weiter spinnend, manchmal dadurch auf völlig andere Gedanken kommend. Und meist sich einfach nur daran erfreuend, einen Stern der Wertschätzung daran hängend oder, die Botschaft weiter tragen wollend, gleich einen RT: ein kleines sprachliches Juwel oder ein grandioser Gedanke, an dem auch andere teilhaben sollen. Es ist, obwohl nur eindimensional, doch sich stetig weiter entwickelnd, ein bißchen Escher’sch von den Dimensionen, ein endloses geflochtenes Band, so man denn bei einer Linie von Verflechtung reden kann. Es ist die Verknüpfung der Gedanken, die Mem- und Shitstürme die dieses Band beuteln, bestimmen, ab- und umlenken, und doch seine Menschlichkeit und das Intime nicht verdecken können. Es ist die Leinwand für dutzende, tausende Maler, ihre eigene Geschichte erzählend, sei sie auch noch so fiktiv oder ausgemalt. Es ist alles Mensch.

Und dennoch, manchmal wird es einfach zu viel Mensch. Dann hänge ich mich selber zu sehr hinein, denke nur noch in 140 Zeichen, hinterfrage konstant meine Gedanken ob sie vielleicht eine Botschaft meines Unterbewusstseins an das endlose Band sein könnten. Lasse meine Meinung zu sehr von anderen Meinungen beeinflussen, werte das getweetete Wort höher als das gesprochene – obwohl es doch letztlich nur die persönliche Filterbubble ist, designt um sich selber stetig zu bestätigen. Dann gibt es Strömungen im endlosen Band, denen man nichts abgewinnen kann, man hat ja auch noch eine nicht-virtuelle Meinung, will nichts mit der Selbstverliebtheit der Twitterati zu tun haben, denn am Ende ist das endlose Band nicht besser, sondern einfach nur anders, aber immer noch einfach nur menschlich. Dann will man sich auch auf drängende Gedanken aus diesem sogenannten “real life” (ist Twitter denn nicht längst real life? Und das ganze Internet?) mehr einlassen, verflucht die Ablenkung und Zerstreuung der man sich sonst nur all zu willfährig hingibt. Dann gibt es einfach nichts zu sagen, weil man meint schon alles gesagt zu haben, und dann hat man keine neuen Erkenntnisse, keine Formulierungen, und das Gefühl, jedes verdrehenswerte Wort schon einmal verdreht zu haben.

Und dann muss einfach eine Pause sein. Aber es ist bisher nie ein Abschied auf Dauer geblieben. Also, nur für begrenzte Zeit auf diesem Account: STILLE.

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About Greg B.

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