Wie jetzt, Debatte…?

Wahrscheinlich ist es legitim, mittlerweile ein wenig genervt zu sein. Ich bin genervt. Ein wenig nur, und wahrscheinlich habe ich selbst Schuld, aber ich bin genervt. Wir schreiben Woche Eins nach #Aufschrei. Eine Woche, in der sich zunehmend die Massenmedien des Themas, und dabei anscheinend auch gleich der Deutungshoheit, bemächtigten (ironischerweise durch Nutzung ihrer gefestigten Machtstrukturen), um der Diskussion den vermeintlich quotenreichsten Spin zu geben. Es war mitunter erschütternd, was man* im Fernsehen und den großen Zeitungen geboten bekam. Nicht nur, dass all die albernen Gegen-Argumente, die bereits seit Tagen tausendfach im Netz rausgehauen werden, ständig wiederholt & widergekäut werden, nein, es dreht sich auch immer noch um diesen einen Fall: der Spin ist nach wie vor Brüderle. Als ob es darum überhaupt noch ginge. Im Netz jedenfalls nicht, wie auch @kaltmamsell in Fortsetzung zu #Aufschrei – Nur im Web geht’s voran bereits feststellte.

Immerhin, auch im Fernsehen wurde oft betont dass wir „diese Debatte jetzt führen müssen“. Um am Ende doch wieder darüber zu diskutieren, ob wir das diskutieren müssen. Für wie bescheuert hält man* den Zuschauer eigentlich? Alle Sender und Zeitungen beschäftigen sich damit, und man* fragt ob es überhaupt notwendig sei? Hatte mitunter etwas eher existentialistisches an sich. Nun ja, an der Stelle fing ich dann halt an genervt zu sein. Lange Rede, kurzer Sinn, ich will also zu all den (größtenteils) vernichtenden Kritiken der Fernseh-Unseligkeiten gar nichts hinzufügen, nehme #Aufschrei ernst, und versuche ein wenig weiterzudenken. Wir können uns langsam auf die Debatte konzentrieren, und nicht auf das Hinterfragen ihrer Daseinsberechtigung. Die klassischen Medien werden schon irgendwann nachkommen.

Angriff ist die beste Verteidigung?

Diesen Eindruck konnte man* durch die (größtenteils männlichen) Gegenstimmen leicht gewinnen. Extra zum dissen eingerichtete Twitteraccounts, wüste Beschimpfungen der Netz-Protagonistinnen in den Kommentaren (-Protagonisten konnte ich, abgesehen von ein paar Blogeinträgen, weiterhin keine wahrnehmen – vor allem nicht im TV), die ganze Bandbreite des „Der gehört’s mal wieder richtig besorgt!“, „Das sind doch Einzelfälle.“ bis hin zu „Was ist an einem Flirt denn auszusetzen?“. Bei so viel „Gefühlsamkeit“, so viel Aufwand und Aufregung den die Herren da in ihre Gegen-„Argumente“ stecken, drängt sich mir der Verdacht auf dass sie sich persönlich auf etwas angesprochen fühlen. Womöglich sogar ein schlechtes Gewissen haben, weil ihnen erstmals vor Augen geführt wird wie schwachsinnigarmselig sie sich mitunter benehmen. Ganz abgesehen davon dass sie sehr (un)schön zeigen, wie Sexismus aussieht. „Es gibt keinen Sexismus, weil das ja bedeuten würde dass ich ein Sexist wäre.“ Man* müsste lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Männer, die ihr euch so aufregt: wieso müsst ihr so reagieren? Hat man* einen Nerv getroffen?

Genau so albern sah es bei den (prominent auch von einigen Frauen im Fernsehen vorgebrachten) Argumenten aus, dass doch auch ach-so-viele Männer betroffen wären. Ich hatte dem in meinem letzten Beitrag noch mit einem einfachen, vielleicht zu einfachen, Argument versucht entgegenzutreten. Mittlerweile bleibt mir nur noch zu sagen: Männer, wenn ihr wirklich etwas habt worüber ihr euch beschweren wollt, dann tut das! Das Netz wird ja nicht „von weiblicher Hand zensiert und regiert“ (oder denkt ihr das?), alle Möglichkeiten stehen euch also offen. Beschimpfungs-Accounts sind dafür allerdings zu wenig. Ironie, dass hier nun anscheinend die Männer den Frauen hinterhereifern wollen – ausgerechnet. Oder, anders gesagt: lernt doch euch zu wehren!

Nun gut, genug der Polemik. Ich für meinen Teil werde mich hier inhaltlich auf den Sexismus von Männern gegenüber Frauen beschränken.

Gedanken zum Mitnehmen

Aber ich glaube genau bei den Männern bestehen derzeit auch die größten Möglichkeiten durch diese Debatte etwas zu ändern, denn sie haben, nach aktuellem Stand der Dinge, den größten Aufholbedarf an Information und Bewusstsein. Wie #Aufschrei zeigt, ist der alltägliche Sexismus den meisten Frauen leider nur all zu bekannt und bewusst – während die Männer, neben teils agressiver Kritik, mit Unwissenheit, Verblüffung, Entsetzen und Scham reagieren. Dass solche Dinge in einer aufgeklärten, (vermeintlich) post-feministischen Gesellschaft überhaupt möglich sind, übersteigt das Vorstellungsvermögen vieler männlicher Zeitgenossen. Ganz subjektiv, aus meiner Perspektive, hatte ich z.B. nie das Gefühl dass der Feminismus mich „als Mann“ abgeholt hätte. Sicher auch meine mangelnde Auseinandersetzung mit dem Thema, aber es wurde Männern in der Vergangenheit auch nicht wirklich leicht gemacht. Natürlich ist man(n) im Deutschland der Nach-70er-Jahre in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass es eine feministische Bewegung gibt. Häufig leider mit den üblichen Vorurteilen verbunden, von eingeschworenen Zirkeln, Diskussionsgruppen und Lesben-Kneipen, und oben drauf natürlich vom Bild von Alice Schwarzer geprägt, mit der Mann irgendwie gar nicht richtig diskutieren mochte. Mit „Emma“ und den Anliegen des Feminismus hat Mann sich selten auseinandergesetzt, zu abstrakt und schwer verständlich schien vieles was dort verlangt und gepredigt wurde. Für den „normalen Mann“ war dieses ganze Feld eine große, sich in Details verlaufende Unbekannte, vielleicht eben weil zu selten der Versuch gemacht wurde, Männer in die Bewegung zu integrieren. Da es ja aber um Gleichberechtigung geht, sollte der Teil, mit dem gleichberechtigt werden soll, eigentlich in die Entwicklung mit einbezogen werden. Es geht um die Rechte der Frauen, aber die Männer sollen diese ja auch beachten!

Und nun haben wir, so finde ich, gerade eine tolle neue Chance, mit neuen Kommunikationsmitteln, Social-Media, Technologie-Konferenzen und Technologie im Allgemeinen, und eben gerade durch die völlig neue Diskussionskultur die damit ermöglicht wird, die Männer auf diese Reise mehr und mehr mitzunehmen. Aufgerüttelt sind sie schon ein wenig. Und es gibt anscheinend zunehmend männliche Unterstützer, die das Thema in die Männerkreise transportieren können. Die wir mitnehmen sollten. Für „Herrenrunden“, in denen zunehmend Spielverderber auftauchen, die bei Herrenwitzen Protest erheben. Für das Büro, in dem ein paar Mitarbeiter nicht mehr über die anzüglichen Kommentare ihrer Kollegen lachen können, und dies zum Ausdruck bringen. Für den Mann, der seinen beim betrunken an fremden Frauen rumtatschenden Freund ermahnt und ihn wegzieht. Oder der U-Bahn-Mitfahrer der den Halbstarken, die eine Mitfahrerin belästigen, klar zum Ausdruck bringt wie unmännlich ihr Verhalten ist. Wieder hehre Ziele – fast möchte man es Zivilcourage nennen, aber ist es wirklich so weit, dass Respekt gegenüber Frauen per Zivilcourage durchgebracht werden muss? Tragisch.

Weitergedacht

Dies ist wieder ein Beitrag aus der Perspektive eines Mannes, der sich erst seit kurzer Zeit mit dem Thema Sexismus beschäftigt, und dazu einige Gedanken hat. Der aber vielleicht stellvertretend für viele in diesem Land darin ist, dass er gerne seinen Teil zur  Sensibilisierung beitragen will, dass er nicht allein damit sein will, dass ihm dieses unsägliche Verhalten einiger Exemplare der „Spezies Mann“ gewaltig auf den Sack geht. Wie diese Männer zur Abschaffung des Sexismus beitragen können, das werden wir hoffentlich in den nächsten Wochen, Monaten, Jahren herausfinden und erleben, aber eins ist klar: es geht nur mit den Männern, nicht gegen sie.

Anmerkung: ich habe diesmal zum gendern den Asterisk gewählt, und hoffe damit einigermaßen den diesbezüglichen Gepflogenheiten nachgekommen zu sein.

Advertisements

Schlagwörter: , , ,

About Greg B.

Just trying to find my way.
%d Bloggern gefällt das: