Vom Warten und der Liebe

So könnte es gewesen sein.

Jeden Morgen, mittags, und am Abend konnte man Herrn K. vor der Dorfbäckerei am Marktplatz, gleich neben der Bushaltestelle, auf der roten Bank sitzen sehen. In der früh um 7:50 Uhr, später um 1:29 Uhr, und abends noch einmal gegen 6:06 Uhr. Samstags erst um 8:05 Uhr, und Sonntags gar nicht.

Es war den Dorfbewohnern natürlich nicht entgangen, es waren genau die Ankunftszeiten des 5er-Busses aus der Regionalhauptstadt. Der Bus hielt, meist auf wenige Minuten genau, kurz an, um einige Reisende ein oder aussteigen zu lassen. Kaum war er wieder abgefahren, blickte Herr K. zweimal um sich, und verließ den Platz wieder. Begab sich zu seiner Arbeit, in der Verwaltung gegenüber, oder zurück in sein kleines Häuschen etwas außerhalb des Dorfes. Jeder im Dorf wusste, Herr K. wartet wohl auf jemand – doch niemand wusste auf wen. Eine frühere Geliebte? Ein Geldkurier, ein vermisster Verwandter? Oder war es einfach ein nie befriedigtes Fernweh, ein Verlangen dem Herr K. sich nicht traute nachzugeben? Er schien ein glückliches Leben zu führen, sang im Chor, ging manchmal am Wochenende in seinem kleinen Dinghi segeln, und traf sich regelmäßig mit einigen Männern aus dem Dorf zum Schach spielen. Aber warum er jeden Tag dort saß, keiner wusste es genau.

Einmal im Jahr, zu seinem Geburtstag, gönnte Herr K. sich einen Abend in der Dorfkneipe. Er bestellte das große 3-Gänge-Menü, dazu eine Flasche des besseren Bordeaux. Er wollte jedes Mal den Einzeltisch in der Ecke des Saales haben, von wo er die Menschen des Abends beobachten konnte. Er schien es zu genießen, lächelte in sich hinein, leerte langsam seine Flasche, und schien dabei mit seinen Gedanken weit weg zu sein. Als es wieder einmal so weit war, beschlossen ein paar Männer endlich herauszufinden was es mit dem Warten auf sich hatte. Als Herr K. nun schon zwei Drittel seiner Flasche geleert hatte, ließen Sie den Ober ein Glas Klaren an den Tisch bringen, “von den Herren da drüben.” Herr K. wollte nicht unhöflich sein, es widersprach seiner Natur, er nahm das Glas an, nickte den Herren zu, und trank es mit einem Schluck aus. Die Herren wiederholten dies 2-3 Mal, und als dann auch die Weinflasche geleert war, ging einer von ihnen zu Herrn K. an den Tisch. Ob er sich nicht zu ihnen gesellen würde, der Herr M. vom Schachspielen sei doch auch unter ihnen, und es wäre gerade ein netter Abend, und ob er nicht etwas über eine Eröffnungsvariante erzählen könne. Da ließ Herr K. sich nicht zwei Mal bitten, und trat, leicht schwankend, zu den anderen an den Tresen. Ein wenig später, nachdem die meisten Schachprobleme erörtert waren, fragte ihn Herr M. frei heraus, worauf er eigentlich warten würde.

Zunächst zögerte Herr K. mit seiner Antwort, doch die anderen Herren blickten ihn erwartungsvoll an, und der Alkohol tat dann sein übriges. Es gäbe eine Dame, Frau G., die habe er vor Jahren kennen und lieben gelernt. Sie sagte dass sie ihn zwar möge, aber noch nicht bereit wäre ihn zu lieben. Zuerst müsse sie ein wenig vom Leben sehen, und in die große Stadt ziehen. Herr K. verstand das, und ließ sie ziehen. Er versprach ihr auf sie zu warten, und bat sie an ihn zu denken. Und so wartete er, täglich drei Mal, Samstags nur einmal, auf ihre Rückkehr, gewiss dass sie bald erkennen würde was sie an ihm hätte, und dass sie zu ihm zurückkehren würde.

Die anderen Herren waren zuerst berührt, erstaunt, und dann aber ein wenig erbost, dass er sich so von dieser Dame beherrschen ließ und abhängig machte. Bald redeten sie auf ihn ein, wie dies denn sein könne, es gäbe noch so viele andere Damen, die allesamt gut für ihn seien, und warum er sich nicht eine aus dem Dorf suche: er wäre schließlich eine gute Partie. Doch Herr K. schüttelte den Kopf, nur diese eine Frau G. wolle er, sie war alles woran er dachte.

Nach und nach gingen alle nach Hause, dachten es sei hoffnungslos, und hatten ein wenig Mitleid mit Herrn K. Nur Herr M. blieb noch, und redete weiter mit ihm. Er hatte das Gefühl in Herrn K.s Augen Zweifel erkannt zu haben. Er fragte ob denn dieses Frau G. ihm versprochen habe zurückzukommen, ob er je etwas von ihr gehört habe, oder er wüsste dass sie ähnlich für ihn empfände. Seufzend musste Herr K. diese Fragen mit Nein beantworten, aber er glaube an die Liebe, und was er in ihren Augen gesehen hatte und was sie schon zusammen er- und gelebt hatten. Dass die Liebe gepflegt und von Angesicht zu Angesicht gelebt werden müsse um sie zu erhalten, ob ihm dies bewusst sei, fragte Herr M. Keine Liebe hätte je so lange Zeit und Entfernung überlebt, außer in Hollywood-Filmen. Auch könne die Liebe so nicht wachsen, würde ohne Nahrung bald sterben. Herr K. schüttelte den Kopf, aber er war sich nun nicht mehr sicher. Er wusste dass Herr M. nur sein bestes wollte, er war ein guter Freund, und so kam er später grübelnd, in sich gehend, zurück in sein kleines Haus.

Am nächsten Morgen, einem Samstag, schaffte er es gerade eben rechtzeitig zu seiner roten Bank, er sah den Bus noch abfahren. Er blickte ihm hinterher, und um sich, ging kurz nach Hause um seine Wetterkleidung zu holen, und segelte mit seinem Dinghi weit auf’s Meer hinaus. Er blieb über Nacht draußen, sie war ruhig und sternklar. Er starrte in den Himmel, und dachte über sich und Frau G. und sein Leben nach. Als er eine Sternschnuppe sah, wusste er was er sich wünschen musste, und schlief kurz darauf ein, mitten auf dem Meer.

Den folgenden Montag ging er nicht wieder zu seiner roten Bank, sondern direkt zur Arbeit, und machte sich sogleich Gedanken was er mit seiner neu gewonnen Zeit machen könnte. Die Bank sah er von nun an nur noch aus der Ferne, manches Mal auch den Bus, aber er wartete nicht mehr.

An einem Donnerstag, pünktlich um 1:29 Uhr mittags, hielt der 5er-Bus aus der Stadt an der Haltestelle. Eine hübsche junge Frau mit zwei Koffern stieg aus, und setzte sich auf die rote Bank. Sie blickte sich um, seufzte, und wartete. Und so saß Frau G. dort, während sie an die Sternschnuppe und an Herrn K. dachte, der nicht mehr kam.

Advertisements

Schlagwörter: , ,

About Greg B.

Just trying to find my way.
%d Bloggern gefällt das: