American Diaries, Part I

Ich versuche mich stets zu wehren, dennoch verschlägt es mich von Zeit zu Zeit in das ferne Land der angeblich so unbegrenzten Möglichkeiten. Warum nun schon wieder, das sei eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden könnte. Hier möchte ich, in ein paar Blogeinträgen, quasi aus Sicht des deutschen Laien, einige Eindrücke von diesem derzeit so tief gespaltenen Land festhalten.

Ein Land das um seine (neue) Rolle in der Welt, im Machtgefüge der Supernationen ringt und kämpft, das versucht mit seinen neuen Rollen und zunehmend beschnittenen Möglichkeiten umzugehen, das sich nicht zu schade war in den letzten 2-3 Jahren der immer schon vorhandenen Spaltung innerhalb der Gesellschaft neue hinzuzufügen, und die alte zu vergrößern. Ein Land mitten in einer Identitätskrise.

Zur Abwechslung führt es mich nunmehr in den Nordosten des Landes, New Hampshire, Washington, D.C, Virginia, Pennsylvania sind die Eckpunkte. Staaten die mir bisher noch wenig bekannt waren, auch wenn ich sie bereits mehrfach per Auto durchmessen habe. Schon hierbei stößt man auf seltsame Erscheinungen, Meinungen, Lebensart, so ganz anders als im fernen, liberalen Westen Kaliforniens (wo ich in den letzten Jahren öfter war). Irgendwie ist alles ein wenig unentspannt, vielleicht sogar aggressiver. Etwas dichter, besiedelt und befahren, doch immer noch weitläufig selbst mit den geräumigsten deutschen Städten oder Landschaften verglichen. Die Fahrt von Boston nach Washington immerhin 10 Stunden, durch das kompakte, etwas elitäre Connecticut, gefolgt vom chaotischen und unübersichtlichen New York City, New Jersey diesbezüglich nicht viel besser – um dann durch eine Reihe unscheinbarer Staaten (Maryland und Delaware mögen mir verzeihen) direkt im Zentrum der Macht zu landen.

Die Geschäftigkeit Washingtons die, im Gegensatz zu New York, ab 18 Uhr schlagartig abnimmt, ist schon merkwürdig, und wie immer in diesem Land ist der Eindruck, die Wahrnehmung der Realität stark von Hollywood-Bildern (mit)gefärbt. Gerne stellt man sich die junge, zügig durch die Straßen eilende Frau als karrieresuchende Praktikantin vor, die gerade ehrfürchtig und voller Ideale ihren Traumjob in irgendeinem Büro eines der gigantischen Ministerien-Gebäude begonnen hat. Oder den schneidigen Mitt-Dreißiger im Anzug, der womöglich in einer Wahlkommission die Fäden zieht, oder für einen Senator moralisch verwerfliche Geschäfte durchführt. Oder den reichen Politiker in seiner Limousine, der sich zu seiner Geliebten bringen lässt, nachdem er gerade in einem Interview gegen den Verfall der Moral gewettert hat. Doppelmoral, Karriere-Bewusstsein, Opportunismus, aber auch harte Arbeit, Netzwerken, Geschäftsessen und Galas, Präsentationen und Gesetzes-Entwürfe bis spät in die Nacht: all das ist auch so naheliegend, so natürlich in diesem Ambiente, dass man es sich gar nicht anders vorstellen kann.

An der Pennsylvania Avenue Nummer 1600 würde man das kleine, weiße Häuschen beinahe übersehen, wenn nicht die Straße davor gesperrt wäre, und darauf das eine oder andere (erstaunlich heruntergekommene) Fahrzeug des Secret Service stehen würde. Und die zwei Dutzend Touristen am Zaun, die dieses kleine, weiße Häuschen unbedingt fotografieren wollen. Etwas aufwärts, ab Hausnummer 2000, werden die Bezirke edler, man fühlt sich sicher, von morgens bis abends begegnen einem inmitten der Häuserschluchten die Jogger, es gibt Cafés und selten Gitter in den Fenstern der schmucken Häuser. Nicht weit zur National Mall, eine üppige Grünfläche, eine stete Aneinanderreihung von Memorials, und intensiver Hubschrauberverkehr. Man versucht sich vorzustellen was oder wer die ganze Zeit hin- und hergeflogen wird…genug Minister gäbe es jedenfalls nicht. Staatssekretäre, Militärbedienstete, viele Menschen müssen es sehr eilig haben. Unterhalb des weißen Hauses, die Pennsylvania-Avenue und ihre Parallel-Strassen abwärts, ein überdimensioniertes Ministerium und Verwaltungs-Gebäude neben dem anderen. „National Treasury“, „Department of Justice“, „Internal Revenue Service“, „Smithsonian“, „National Archives“, gegen jedes dieser Gebäude, meist im Kolonialstil mit vielen Säulen und großen, repräsentativen (ungenutzten) Eingangsbereichen würde ein Paul-Löbe-Haus eher minimalistisch wirken. Ein großes Land muss sich auch zeigen. Ein fokussiertes, geschäftiges, dabei wenig glamouröses Bild bleibt übrig.

Weiter gen Osten fahrend, jenseits der North Capitol Street, wird die andere Seite von Washington, und symbolisch vielleicht auch des ganzen Landes, deutlicher. Weniger weiße Karrieristen als farbige Minimal-Löhner bestimmen das Straßenbild. Verlassene Geschäfte, vergitterte Wohnhäuser, alles ein wenig schmuddelig und, für den normalen Mitteleuropäer, wahrscheinlich durchaus furchteinflössend. Zwar herrscht durchaus auch eine gewisse Geschäftigkeit, aber auch viele Menschen die ihre Habseligkeiten im Einkaufswagen mit sich führen bestimmen das Bild, sitzen an einer Häuserecke, offensichtlich ohne weitere Aufgabe; verrottende Bauwerke und Brachflächen, vereinzelte Shops in denen sich das wenige Leben sammelt. So hinterlässt die Stadt einen sehr gespaltenen Eindruck, ist es kaum zu glauben wie hier mitunter eine derart unsoziale Politik gemacht werden kann, jenseits und fern der Nöte der Menschen, die doch so dicht an den Entscheidern, unter ihren Augen, zu sehen sind. Bei all diesen zwiespältigen Eindrücken bleibt aber immer noch an jeder Ecke ein gewisses Ehrfurchtsgefühl zurück, der Einfluß und die Dominanz der amerikanischen Kultur für und auf die Welt ist beinahe körperlich spürbar.

Advertisements

Schlagwörter: , , , ,

About Greg B.

Just trying to find my way.
%d Bloggern gefällt das: