Zu real um virtuell zu sein

Das Fernsehen behauptet dass Internet dumm macht. Im Internet wird ein Mensch gerettet. Das Internet regt sich über geklaute Sprüche auf. Eine große Firma benimmt sich angeblich daneben und nutzt seine Macht aus. Ein Mensch wird trotz Internet nicht gerettet.

Irgendwo da drin steht das Internet. In seiner ganzen Härte und Verdammnis. Mit all seinen Informationen, Menschen und Menschlichkeit, Hilfe und Abgründen.

Seit 1994 bin ich “online”, und habe schon vieles erlebt in diesem Internet. Es hat viele Dinge im “realen” Leben reflektiert und abgebildet, aber mindestens ebenso viel in diesem Leben tatsächlich passieren lassen. So viele Schwellen wurden gesenkt, mal eben einen Flug buchen, wildfremde Menschen kontaktieren, sich über absurde Hobbies und geniale Schöpfungen informieren, mehr verpassten Gelegenheiten nachtrauern können, noch mehr Möglichkeiten finden die man nicht wahrnehmen kann, unendliche Auswahl die man treffen muss, aber auch kann! Der Umgang damit wird souveräner, man selber wächst daran. Nicht auszudenken wo man vor 10 Jahren die Informationsvielfalt aus Tweets, Nachrichten, YouTube-Videos und anderen Content-Sprengseln verordnet und untergebracht hätte, man hätte womöglich schnellstens die Aufnahme verweigert. Nun gilt es als normaler Tag.

Auch heute war wohl ein normaler Tag. Und doch hatte ich das Gefühl dass eine, ansonsten als Sicherheit angenommene (und still vorausgesetzte) Grenze zur Realität überschritten wurde. Eigentlich kein Tag, sondern 24 Stunden. Wie ein schlechtes Reality-TV-Format, nur dass man plötzlich Zaungast ist, Zuschauer wider Willen, Gaffer sogar? Nein, man ist mittendrin und Teil des Geschehens.

Im Fernsehen wird behauptet das Internet macht dumm. Es ist nicht verwunderlich dass “das Internet” daran Anstoß findet, und dagegen hält. Mit der ihm üblichen Mischung aus Zynismus, Schärfe, Absurdität, Komik & Albernheit, aber auch tiefgründiger Analyse und wohlfundierten Argumenten.

Irgendwo dazwischen plötzlich die Tweets dass jemand mit Suizid droht. Einige vermögen umzuschalten, sehen den Unterschied zu einer Meta-Diskussion über das Internet: dies ist das reale Leben. Manche schaffen dieses umschalten nicht sofort. Leider ohne sich abzuschalten. So dass am passiven anderen Ende wieder der Eindruck des Internets bestätigt wird: die ihm übliche Mischung aus Zynismus, Schärfe, Absurditäten, Komik & Albernheit, aber auch tiefgründiger Analyse und wohlfundierten Argumenten.

Eine zweite Suizid-Ankündigung wird in einer ähnlichen Weise verarbeitet: einige nehmen es ernst, alarmieren die Polizei, versuchen den User herauszufinden. Einige schalten nicht um. Einige bleiben passiv dabei. Es gibt später zwei Entwarnungen, von denen sich eine leider als falsch herausstellt.

Am nächsten Morgen hallt das Dummheitsthema weiter nach. Ein gefundenes Fressen. Von den Suiziden hört man nichts, oder nicht viel. Blogeinträge (wie dieser hier) versuchen das Ganze zu verarbeiten, einzuordnen, stellen ihre Sicht dar. Nebenbei regt sich Twitter darüber auf, dass Tweets für ein Buch geklaut wurden. Ein weiterer Shitstorm braut sich zusammen. Alltag im Internet.

Am Abend die beiden Gewissheiten: das geklaute Buch wird nicht erscheinen. Und ein Mensch hat die Welt verlassen, trotz der Aktivität des Internets.

Und man selber sitzt irgendwie mittendrin, zumindest wenn man twittert oder ein paar aktuelle Blogs liest. Mehr als retweeten kann man meistens kaum. Hut ab vor denen die die Polizei alarmiert haben oder sonst wie aktiv geworden sind. Was bleibt ist das komische Gefühl dass das Internet seine Grenzen überschritten hat. Ohne es zu wollen hat es sich in das reale Leben gedrängt. Vielleicht nur eine weitere Episode im richtigen Umgang mit Medien. Für einige die Gelegenheit ihren Zynismus zu pflegen.

Ich finde es ist eine gute Gelegenheit einmal innezuhalten, und sich bewusst zu werden dass die von der Online-Community viel gepriesene Konvergenz von realem und virtuellem Leben tatsächlich existiert – und wir vielleicht ein bisschen auch unser Online-Verhalten danach ausrichten sollten, mehr Verantwortung für unsere Worte und Aktionen akzeptieren müssen. Denn, das haben die 24 Stunden gezeigt, sie haben tatsächlich eine Wirkung. Mal positiv, mal negativ.

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